Das Leben hat seine Wege, uns immer wieder neu aufzurütteln, sobald wir uns in irgendeiner Art eine Komfortzone gebaut haben. Sich dann immer wieder neu aufzumachen und einen weiteren Schritt in die Unsicherheit zu tun – ist das Mut?

Meine Vorlieben und meine Gewohnheiten sind schon oft herausgefordert worden, nicht nur durch körperliche Leiden. Alle möglichen Lebenssituationen zeigen mir, wie flüchtig, wie vergänglich alles ist. Ist es angenehm, an seine eigenen Grenzen zu stoßen? In meinem Erleben manchmal Ja und manchmal Nein, je nach dem wie tief der Dorn der Identifikation mit dieser bestimmten Sache ist. Braucht es dann Mut, diesen Dorn zu ziehen?

Ist es Mut, der unsere Glaubenssätze auflöst, ist es Mut, der unser Herz öffnet, ist es Mut, der uns die ganze entgegengebrachte Liebe des Lebens erkennen lässt?

Mut als reines psychologisches Gegenmittel für Angst kann nicht nur zur positiven lebensfördernden, sondern auch zu leichtsinnigen lebenszerstörenden Aktionen führen. Für mich jedoch steht dieses vielbenutzte Wort immer im Zusammenhang mit Klarheit und geht damit über die Grenze unserer Psyche hinaus.

Sei mutig! ist so ein schnell daher gesagtes Mantra unserer Zeit geworden. Aber was soll das bedeuten? Ignoriere deine Angst und spring vom Hochhaus? Augen zu und durch?

Nein. Für mich bedeutet es die Augen ganz weit aufzumachen und genau hinzusehen. Woher kommen meine Ängste? Was ist ihr Urgrund? Und vor allem: Wie real ist ihre Existenz? Stehe ich wirklich auf einem Hochaus? Oder stehe ich eigentlich auf festem Boden und mir ist infolge meiner verschwommen Sicht schwindelig geworden?

Schon oft wurde mir Mut nach gesagt, nicht nur, als ich damals mit der Diagnose in die Öffentlichkeit trat. Auch mein drastischer Lebenswandel wird als mutig wahrgenommen. Doch für mich ist es nicht Mut, der mich all das machen lässt. Es ist die Klarheit, die sich von allein ergeben hat als eine natürliche Konsequenz meiner Auseinandersetzung mit dem, was ist.

Als sich etwas in meiner Wahrnehmung des Lebens so drastisch und schnell veränderte vor einiger Zeit, konnte ich zum Beispiel eine Zeit lang immer wieder neu die Angst in mir aufkommen sehen, allein zu sein. Ich war als Teenager immer die Außenseiterin seit der Gymnasiums-Zeit. Mit der Diagnose änderte sich das, plötzlich sah und hörte man, was ich zu sagen hatte.

Und dann bescherte mir das Leben so einen immensen Richtungswechsel, dass viele nicht mehr folgen konnten. Plötzlich sah ich mich wieder mit den ganzen alten Erfahrungen konfrontiert. Mit dem Nicht-Verstanden-Werden von anderen, mit Einsamkeit, mit Kampf um Glaubwürdigkeit. Psychische Verspannungen kamen ans Tageslicht und verwebten die früheren Erlebnisse meiner Jugend mit der aktuellen Situation. Reflexartig versuchte ich diese Ängste wieder in die dunklen Ecken meines Geistes zu schieben, wo sie im Lichte der Meditation allerdings nicht lang blieben.

Wenn wir still werden und alles da sein darf, dann löst sich alles Psychische von allein auf. Dann ist es nicht mehr eine Frage von Mut, sich seinen Ängsten zu stellen. Dann ist was ist.

Ich werde jeden Tag vom Leben erinnert, mich nirgendwo niederzulassen, mir keine Bilder zu machen, alles anzunehmen, meine Grenzen zu überschreiten. Das heißt, dass täglich neue Ängste aus den bisher unbeleuchteten Ecken meines Geistes auftauchen. Und manchmal taucht der Gedanke in mir auf „jetzt musst du mutig sein!“ Aber auch das ist am Ende nur ein Gedanke.

Im Laufe der letzten Jahre durfte ich erkennen, dass ich die Realität meiner Psyche nicht mit einem anderen psychologischen Phänomen auflösen kann. Es ist das, was beides wahrnehmen kann, was selbst unberührt von Angst und Mut ist, was die Klarheit bringt. Angst und auch Mut kann ich als vorübergehende Phänomene wahrnehmen, aber muss ihnen keine überdimensionierte Wichtigkeit geben, weder dem einen, noch dem anderen. Mut ist in diesem Sinne nicht besser als Angst. Es sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Beides ist vergänglich. Doch was ist das Unvergängliche? Darin gibt es weder Angst noch Mut.