Jede:r von uns verspürt Angst. Sie ist eine stete Begleitung in unserem Leben. Sie kann uns lähmen, uns verzagen lassen. Gerade habe ich Angst davor, diesen Blogpost zu schreiben, zu veröffentlichen und euch lesen zu lassen. Mir gehen dabei so viele Gedanken durch den Kopf, die meisten sind eher entmutigend. Und dennoch hat mich die Neugierde gepackt. Mutig zu sein ist kein Gefühl, es ist eine Handlung. Die Angst ist immernoch da, aber die Erfahrung etwas völlig Neues auszuprobieren und mich ins Abenteuer zu stürzen treibt mich an. Über Mut zu schreiben ist eine ungemein schwere und auch sehr individuelle Aufgabe. Ich möchte euch mit meinem Blogpost auf eine kleine Reise nehmen, die euch hoffentlich zeigen wird, wie ich Mut für mich definiere und in welchen Situationen ich über mich selbst hinausgewachsen bin. Und das Alles nicht trotz der widrigen Umstände, sondern wegen ihnen.

Das letzte Jahr hat uns viel abverlangt. Immer wieder sind wir in Situationen gedrängt worden, in denen wir noch nie waren, in denen wir uns gefragt haben, was noch alles passieren kann und wie es weiter gehen soll. Mir erging es auch so. Ich bin mitten in der Corona Pandemie nach über 9 Jahren Festanstellung gekündigt worden. Ängste überkamen mich: “Wie soll es jetzt weitergehen?”, “Finde ich eine neue Festanstellung, die zu mir passt?” Diese Gedankenspirale hat mich tagelang nicht losgelassen. Und irgendwann war ich an dem Punkt angekommen, dass ich mich meinen Gedanken stellen musste. Statt weiter davonzulaufen, habe ich versucht zu akzeptieren, was schon längst Realität ist: “Ich bin gekündigt worden”. Es mehrmals laut auszusprechen hat mir geholfen, es zu realisieren. Zu akzeptieren, dass die Realität ist, wie sie ist, war mein erster großer Mutanfall. Und es sollte nicht der Letzte gewesen sein.

Durch die gewonnene Freiheit hatte ich die Möglichkeit, mich neu kennenzulernen. Viele tolle Gespräche mit ehemaligen Kollegen und Freunden haben mir neue Perspektiven eröffnet. Irgendwann kam ich an den Punkt an, dass ich gefragt worden bin, ob ich mir vorstellen könnte Wirtschaftspsychologie zu studieren. Ich fand die Idee zuerst vollkommen absurd. Warum sollte ich mit 34 Jahren anfangen zu studieren. Ich stehe seit über 10 Jahren im Berufsleben. Ein Studium kam für mich nie in Frage, da ich mein Fachabitur aufgrund einer damaligen Depression geschmissen habe. Die Skepsis war riesig: “Wie soll ich das Studium nur schaffen? Habe ich überhaupt das Zeug dazu? Und was ist mit einer neuen Festanstellung? Schließlich will ich auch weiterhin als Agile Coach arbeiten können”. Und trotz der Gedanken und Ängste, die sie in mir auslösen, überwog wieder die Neugier.

“Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende” – Demokrit

Zu gerne wollte ich wissen, was ein Studium der Wirtschaftspsychologie überhaupt beinhaltet. Nach einigen Tagen an Recherche und vielen Telefonaten und Gesprächen mit Freunden stand fest: Ich werde studieren! Ein Wagnis, was ich bis heute nicht bereut habe. Da ich aber wusste, dass ich trotz des Studiums gerne weiterhin arbeiten möchte, sollte es ein Fernstudium in Teilzeit werden. Somit kann ich flexibel entscheiden wann und wie ich studiere und mir meine Zeit selbst einteilen. In den ersten Wochen war ich ein wenig verloren und hab mich gefragt, worauf ich mich eingelassen habe. Aber nachdem ich das erste Modul abgeschlossen und sogar bestanden hatte, war die Motivation weiterzumachen umso größer.

Neben dem Studium hatte ich noch Zeit an einigen digitalen Meetups und Barcamps teilzunehmen. Dabei bin ich auf “Digital Misfits” gestoßen, ein Think Tank und Community, die aktiv die Arbeitswelt und Gesellschaft der Zukunft gestalten will. In sogenannten Remote Circle treffen wir uns mit vielen anderen Teilnehmer:innen und diskutieren über die Arbeitswelt von morgen. Irgendwann bin ich gefragt worden, ob ich ein aktiver Teil der Community werden möchte, und ob ich mir vorstellen kann, demnächst einen Remote Circle zu moderieren. Plötzlich hat sich mein Magen zusammengezogen. Ich soll ein digitales “Meetup” mit über 20 Menschen moderieren? No way. So Etwas habe ich noch nie gemacht! Was ist, wenn etwas schief geht? Oder ich vor lauter Nervosität anfange zu stottern? Und plötzlich merkte ich wieder, dass sie da waren: meine Gedanken, die mir Angst machten.

Plötzlich habe ich etwas getan, wovon ich ein paar Sekunden zuvor noch gar nicht überzeugt war: Ich habe zugesagt. Aus dem selben Grund, aus dem ich auch diesen Blogpost schreibe, oder ich mein Studium angefangen habe. Die Lust am Entdecken und Ausprobieren. Die Angst ist deswegen nicht verschwunden. Sie ist weiterhin präsent. Aber ich sehe sie nicht als etwas an, was ich loswerden möchte. Sie hilft mir viel mehr, mich besser kennenzulernen und zu verstehen, wovor ich Angst habe und warum. Wie Ambrose Redmoon so treffend formulierte: “Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.” Und genau das hat mich dazu gebracht, wieder um eine Erfahrung reicher zu sein. Die Moderation des Remote Circle war unglaublich bereichernd und lehrreich. Ich hatte wahnsinnig viel Spaß daran, die Veranstaltung zu moderieren und über mich hinauszuwachsen.

Diese vielen kleinen und großen Mutanfälle bereichern mein Leben. Immer wieder stehe ich vor Situationen, die mir Angst machen. Und immer wieder habe ich die Möglichkeit, ihnen mit Neugierde zu begegnen und daraus zu lernen.

Was macht dir Angst, und wie stellst du dich diesen Situationen und beweist deinen Mut?