Claudia (Virale Gedankenkraft): Hallo! Herzlich Willkommen bei der 18. Podcastfolge auf Virale Gedankenkraft. Heute habe ich die liebe Gisela Linge bei mir. Hallo, liebe Gisela!

Dr. Gisela Linge: Hallo Claudia, vielen Dank für die Einladung!

Claudia (Virale Gedankenkraft): Schön, dass du dabei bist! Erzähl uns kurz, wer du bist und was du machst.

Dr. Gisela Linge: Okay. Also ich bin 42 Jahre alt. Seit Oktober 2019 arbeite ich als selbstständige Unternehmensberaterin. Das heißt, ich leite in der Regel globale Strategie- oder Transformationsprojekte in Konzernen mit Schwerpunkten der Automobilindustrie. Und zuvor war ich Strategieleiterin bei Webasto, einem Automobilzulieferer. Ich bin seit vielen Jahren glücklich verheiratet, habe zwei Kinder, 9 und 11 Jahre alt, und lebe vor den Toren Münchens im Landkreis Starnberg.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Schön. Oh, schön. Ja, jetzt ist die Frage, die nicht nur mich interessiert, auch die Zuhörer: Wie war dein Jahr 2020?

Dr. Gisela Linge: Ich denke mal: Wie für viele war es einerseits herausfordernd, man kann schon sagen transformativ, und doch alles in allem gut. Und ja, zu Beginn des Jahres herrschte bei mir Aufbruchsstimmung: Ich bin erfolgreich in eine Selbstständigkeit gestartet, war beruflich regelmäßig in einer meiner Lieblingsstädte, nämlich in Stockholm, und konnte auch noch Göteborg entdecken. Ist auch eine tolle Stadt, die ich jedem empfehlen kann, und ich hatte eigentlich wieder viel Spaß am Arbeiten und dachte: Hey, du bist am Ziel deiner Träume angekommen, hast jetzt endlich den Job gefunden, der dir Spaß macht, Familie war alles klasse, und dann bin ich Anfang März nach einem erfolgreichen mehrtägigen Workshop in Stockholm zurück nach München und hatte eine MRT-Kontrolluntersuchung, weil ich hatte in den letzten Wochen sehr starke Kopfschmerzen gehabt, bis hin wirklich zu Übelkeit.

Dr. Gisela Linge: Aber ich weiß noch, wie meine Neurologin meinte: “Nee, kein Problem, wird schon nix sein.” und mit der Einstellung bin ich da auch wirklich locker, flockig hin gegangen. Und eine Stunde später war dann irgendwie mein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt, weil, was sich dann herausstellte und was man auch wirklich sofort sah, als ich dann die MRT-Bilder sah, auch als medizinischer Laie, dass da etwas nicht stimmen konnte. Ich wurde auch sofort Krankenhaus nach Großhadern geschickt, denn es hatte sich ein ziemlich großer, ja, zum Glück gutartiger Gehirntumor, ein sogenanntes Meningeom, gebildet, wohl über Jahre, und ich habe es gar nicht gemerkt. Plus ein Ödem, das sehr starken Druck gemacht hat, denn irgendwann konnte es halt nicht mehr wachsen.

Dr. Gisela Linge: Es war wirklich so groß, dass schon diese berühmte Mittellinie, also unser Gehirn sieht ja aus wie eine Walnuss, schon verschoben war, weil irgendwie ungefähr ein Viertel meines linken Frontalkortex ziemlich eingedetscht war, weil da halt hauptsächlich nur noch Tumor und entzündetes Gehirngewebe war. Und das war natürlich herausfordernd, wirklich von heute auf morgen alles fallenzulassen, den Kindern Bescheid zu geben, mein Mann natürlich, der mich ins Krankenhaus begleitet hat, aber auch mein Projekt. Ich habe ein relativ großes Projekt geleitet. Weil ich dann wirklich ins Krankenhaus relativ flott kam und war dann natürlich auch herausfordernd, also ich bin auch schon vier Tage nach der OP wieder raus, entlassen worden, weil die OP

a) zum Glück gut lief, aber
b) halt schon der Lockdown kam und mir der Oberarzt, der mich operiert hat, auch noch sagte, ich habe Glück gehabt, ich war eine der letzten, die sie noch ganz normal durchbekommen haben, denn ich musste natürlich auch auf die Intensivstation und etc. erst mal vor dem Lockdown.

Dr. Gisela Linge: Als ich wieder nach Hause kam, hatte ich nicht nur eine große Narbe von Ohr zu Ohr, sondern zwei Kinder im Homeschooling, kein Projekt mehr, und bei meinem Mann stand dann auch Kurzarbeit an: Das war der herausfordernde Teil. Transformativ war aber für mich dann trotzdem genau diese Unsicherheit im März, April, weil ich für mich beschlossen habe, jetzt nicht aufzugeben, auch mich jetzt nicht in meinem Selbstmitleid zu ergießen, sondern zu schauen: “Hey, was ist denn positiv an der Situation?” Und dieser Stillstand hatte auch etwas Positives, weil dadurch, ich habe es halt als Geschenk wahrgenommen, zu sagen: “Ich habe jetzt 6, 8 Wochen, in denen ich nicht arbeite, in denen ich auch nicht mehr verreisen kann, in denen ich eigentlich nichts tun kann, außer mich um mich selber und meine Familie zu kümmern.”

Dr. Gisela Linge: Das heißt, ich habe angefangen, lange Spaziergänge zu machen, war wahnsinnig stolz, als ich nach 4 Wochen wieder joggen gehen konnte. Ich habe meine Ernährung umgestellt, habe wirklich viel bewusster Zeit mit der Familie verbracht und ich meine, es gab auch Stress, sagen wir mal, Homeschooling war jetzt nicht so spaßig, vor allem wenn man Schulkinder hat, für die ist es ja auch noch mal nicht so einfach und leider funktionieren ja die digitalen Plattformen immer noch nicht. Wir sind gespannt, wie es Montag losgehen wird. Und trotz allem habe ich ja gesagt, war es doch gut, weil ich jetzt sage für mich: Ich lebe gesünder als zuvor. Ich bin auch eigentlich gesünder. In der Familie hatten wir wirklich ein Jahr, in der wir ganz, ganz viel Zeit zusammen hatten und zusammen gewachsen noch mehr sind als vorher.

Dr. Gisela Linge: Und auch beruflich lief es danach eigentlich sehr gut, als ich dann wieder arbeiten konnte nach acht Wochen und auch mein Projekt zum Glück wieder aufgenommen worden ist trotz Corona, hatte ich da während des Projekts und auch ansonsten keine, ja, es lief alles sehr gut.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Okay, schön. Wow, ja, das ist eine Menge. Dann war dein 2020 doch voller Höhen und Tiefen. Jetzt mal kurz, was für deine Erkenntnis, die du daraus gewonnen hast? Kannst du das jetzt auch so formulieren, oder?

Dr. Gisela Linge: Ich habe für mich entschieden, dass, paradoxerweise hast du vieles nicht in der Hand. Also, wie, keine Ahnung, dass es Lockdown gab oder auch mein Hirntumor. Also ich habe auch die Ärzte gefragt: “Okay, was hätte ich anders tun können?” Also man fragt ja dann: “Habe ich zu viel am Handy telefoniert?” Gerade als Berater ist man ja sehr oft dran. Und die so: “Nein, das ist purer Zufall und Pech gewesen.” Es kommt halt selten vor und vor allem eigentlich nicht in meiner Altersklasse. Also solche Meningeome haben Frauen in der Regel so ab Mitte 60 und dann wachsen die auch eigentlich viel langsamer, als es bei mir war. Das heißt, einerseits hat man vieles nicht in der Hand und trotzdem hat man in der Hand, wie man dann mit so einem Schicksalsschlag umgeht. Und für mich war sozusagen die Erkenntnis, dass es halt einfach Dinge gibt, die ich nicht ändern kann. Und dafür braucht es auch Kraft und Gelassenheit, diese zu akzeptieren.

Dr. Gisela Linge: Und auf der anderen Seite, Themen, Dinge, die ich angehen kann und dafür braucht es vielleicht auch Mut, das zu tun und vielleicht grade auch Impulse für einen Neuanfang zu finden, auch in einer Krise. Und manchmal ist es nicht so leicht, das voneinander zu unterscheiden, aber das hat mir halt geholfen. Also einerseits zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann und aber aktiv anzugehen, was ich ändern kann.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, das hört sich sehr gut an. Und ich habe auch deine Geschichte verfolgt und es berührt mich wirklich und vor allem deinen Mut, nach vorne zu schauen. Das hat mir wiederum auch Kraft gegeben und ich bin mir sicher, dass auch die Zuhörer auch Inspiration durch deine Worte finden werden. Und da wäre ich bei der Frage: Was bedeutet für dich Neuanfang, liebe Gisela?

Dr. Gisela Linge: Ja, das ist mein fünfter Job in zehn Jahren, kann man sagen. Und ich habe auch nochmal nachgezählt, ich bin auch elf Mal umgezogen im Leben des Herrn. Wobei, davon die letzten neun Jahre stabil in Stockdorf, also davor halt viel. Das heißt, Neuanfänge sind mir nicht fremd und für mich bedeuten sie einfach Abwechslung, die Möglichkeit, etwas Neues zu lernen, zu erfahren, zu entdecken. Also das Thema Sachen zu entdecken, ist mir auch wichtig. Wir reisen gerne. Also wir haben auch nicht aufgehört, mein Mann und ich, zu reisen, obwohl da Kinder waren. Die waren schon mit uns auf verschiedensten Kontinenten, weil wir halt einfach gerne auch unsere Komfortzone verlassen. Und ich glaube, das hat mir natürlich auch jetzt in dieser Situation dieses Jahr halt geholfen, wirklich dieses Reframing innerlich zu machen: “Hey, jetzt so ein bisschen Reset angesagt.” Und ja, bei mir ist halt vor allem Thema, Richtung Gesundheit mehr einen Neuanfang zu wagen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Okay. Wie meinst du das genau? Fiel es dir schwer, da sozusagen neu anzufangen, oder?

Dr. Gisela Linge: Ja. Ich meine, mein Mann hat immer zurecht gesagt: “Du hast schon so viele Dinge in deinem Leben geschafft.” Also sprich, ich habe einen Doktortitel, ich habe zwei Diplome gemacht, ich habe auch für sehr renommierte Firma wie McKinsey, BMW gearbeitet. Aber irgendwie so mal einen gesunden Lebensstil durchzuhalten, war da nicht drunter, obwohl ich eigentlich ein sehr disziplinierter Mensch sein kann und ich weiß auch nicht, woran es lag, vielleicht hat einfach dieser, ja, wie soll man sagen, dieser Paukenschlag gefehlt, der halt jetzt kam mit dem Tumor, obwohl der ja gar nichts damit zu tun hatte, ja? Aber für mich so ein Zeichen war: “Hey, man ist halt nicht unsterblich, weil es war eine 6-Stunden-OP, es hätte so einiges schiefgehen natürlich können.

Dr. Gisela Linge: Oder ich hätte auch weiterhin zu spät zum Arzt gehen können und ich hätte einen Schlaganfall oder so bekommen können, weil sich dieser Druck dann schon so aufgebaut hatte. Und ich habe halt einfach diesen sehr starken Stupser gebraucht, um wirklich zu sagen: “Okay, ich mache jetzt wirklich mehrfach die Woche Sport und auch wenn schlechtes Wetter ist, gehe ich entweder raus oder entstaube meinen Hometrainer, den es seit Jahren im Keller gibt und fang an Podcasts zu hören, wenn ich da draufsitze. Oder ich fange an, mich wirklich vernünftig zu ernähren, anstatt irgendwie Diäten zu machen die ich dann eh nicht lange durchhalte. Ja, das meinte ich halt mit, wirklich da einen Neuanfang zu starten und nicht um jetzt schlanker zu werden schönheitsbildmäßig, sondern zu wissen, du musst abnehmen, weil es einfach gesünder ist. Und so habe ich dann letztendlich in dem Jahr jetzt ungefähr 12 Kilo abgenommen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Oh, schön. Ein schöner Nebeneffekt!

Dr. Gisela Linge: Genau.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Und woher nimmst du genau die Kraft, liebe Gisela, und die Zuversicht immer wieder und immer wieder neu anzufangen, sei es beruflich oder mit dem Umzug?

Dr. Gisela Linge: Eigentlich sollte ich das, glaube ich, besser dich fragen. Denn genauso bewundere ich, Claudia, wie du mit Rückschlägen und mit deiner Geschichte umgehst und auch mit deiner Krankheit offen bist und auch immer wieder aufstehst und voranschreitet. Und ich dabei auch deine Erfahrungen mit uns teilst, weil auch das, weil du hast ja gerade gesagt, “Meine Geschichte hat dir Mut gemacht.”, und umgekehrt denke ich mir mal ganz bescheiden, wenn ich deine Geschichte höre: So viel war das ja bei mir nicht. Und vor allem – toi toi toi – nichts, was hoffentlich mich dauerhaft beschäftigen wird. Also erst einmal eigentlich noch einmal ein großes Lob an dich!

Dr. Gisela Linge: Und ja, woher nehme ich Kraft und Zuversicht? Mich hat einmal ein Vorstand nach einem meiner Berufswechsel gefragt, ob dieses immer wieder von Neuem anfangen, das heißt zum Beispiel beruflich, du musst ja immer wieder neue Kontakte knüpfen, aber auch genauso beim Umziehen, neue Prozesse kennenlernen, neue Mitstreiter finden, sich einfach neu einfinden in einer neuen Umgebung, ob das nicht anstrengend sei. Und ich meine, gerade in den Konzernen – ich habe auch zum Beispiel bei BMW gearbeitet einige Jahre – da ist man ja ein komplett bunter Vogel, wenn man kürzer als zehn Jahre dabei war. Und meine spontane Antwort damals war, und ist auch immer: “Nein, das Entdecken von Neuem, das kostet mich nicht Kraft, sondern es gibt mir Kraft.”

Dr. Gisela Linge: Also ich ziehe wirklich meine Energie gerade aus dem Kennenlernen neuer Menschen, neuer Themen. Also ich arbeite mich auch gerne in neue Sachen ein, und habe so zum Beispiel gerade das Thema Social Media während des Lockdowns entdeckt, weil ich halt beruflich ja eine Pause hatte und dann durfte ich auch nicht so richtig raus, weil nach der OP war ich natürlich noch Risikopatientin, bis mein Kreislauf wieder vernünftig war und ich auch durch die Kortisoneinnahme immunsuppressiv war. Und da war sozusagen Social Media, vor allem LinkedIn so mein Fenster in die Welt und ich habe ja so wunderbare Menschen wie dich kennengelernt. Und was aber wichtig, glaube ich, ist bei aller Elat für Neuanfänge, worauf ich schon immer geachtet habe, ist, es nicht zu übertreiben, in dem Sinne nicht gleich alles parallel neu auszuprobieren.

Dr. Gisela Linge: Das heißt zum Beispiel: Mein Privatleben ist seit vielen, vielen Jahren sehr stabil. Das heißt, viele Freunde, mein Mann, die habe ich alle im Studium oder Anfang des Studiums kennengelernt oder kurz nach unserem Umzug hier nach Stockdorf, als die Kinder dann da waren. Ich bin auch eigentlich seit meinem Studium auch in der Automobilindustrie tätig, aber halt in unterschiedlichen Rollen, mal als Beraterin, mal bei einem Automobilhersteller, dann wieder beim Zulieferer, mal in Deutschland, mal im Ausland. Aber trotz dieser Abwechslungen, dieser Neuanfänge schaue ich schon, dass es immer einen stabilen Anker gibt, und das würde ich auch anderen empfehlen, also auch wenn man sich einen neuen Job sucht, auch eine neue Branche, um vielleicht nicht parallel auch noch privat alles umstellen zu wollen.

Dr. Gisela Linge: Und genauso vielleicht andersherum, wenn es halt privat nicht so läuft, um dann vielleicht nicht komplett den Job an den Nagel zu hängen, weil es kostet halt schon. Ich glaube, Claudia, du kennst es bestimmt auch von dir selber: Es kostet ja schon auch Kraft, selbst wenn man, wie bei mir, Kraft rauszieht, dann gibt es natürlich Abende, an denen man sich denkt: “Oh, jetzt das auch noch!” Und dann ist es natürlich schön, wenn man entweder weiß, “Ja, eigentlich kann ich das. Das ist jetzt nichts etwas komplett Neues für mich” oder es gibt halt, wenn es auch komplett neu ist, es gibt zum Beispiel privat jemanden, bei dem ich mich abends ausheulen kann oder einfach in dessen Arme ich sinken kann, oder eine Freundin, die man halt anrufen kann oder einen Freund, um sich auszutauschen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, da gebe ich dir recht, weil genau diese Phasen, die gab es jetzt, glaube ich, letztes Jahr und komischerweise auch Anfang dieses Jahres, wie lange als sieben Tage dauert schon 2021 und da hat man halt Abende, an denen man sich denkt: “Was kommt jetzt noch?” Da denkt man sich, okay: “Privat abgehakt, Beruf abgehakt, Gesundheit abgehakt, okay, was kann jetzt noch kommen?” Oder man entwickelt aber auch, sage ich jetzt mal, also ich kann nur von mir reden, so ein bisschen vielleicht Sarkasmus, was vielleicht gar nicht dazugehört, aber man fängt an, sich selber auf die Schippe zu nehmen. Ja, weil dann sag ich: “Du Claudia, so, jetzt hast du schon alles auf der Liste ausgecheckt, und alles, was jetzt noch kommt, ist nice to have.”, ja, also von der guten Seite. Und das ist meine Kraft, die ich schöpfe und dann versuche ich halt, mich abzulenken.

Dr. Gisela Linge: Genau, und Humor hilft auch immer. Ich habe gerade am Anfang, nach meiner OP, auch ein paar Witze darüber gemacht, weil das Lustige – oder etwas Lustiges war es nicht so – bei mir war vor allem das emotionale Zentrum betroffen. Da hatte sich dieses Ödem gebildet oder der Tumor weggedrückt und ich wurde wirklich entlassen vom Arzt mit den Worten – einen Tag vor dem Lockdown, als klar war, dass es den Lockdown geben wird: “Ja, nicht wundern, das kann jetzt vier bis sechs Wochen dauern, bis das wirklich alles verheilt ist. In der Zeit werden sie emotional wahrscheinlich sehr instabil sein. Wir haben da schon alles erlebt bei unseren Patienten von Heulkrämpfen über Wutanfälle.”

Dr. Gisela Linge: Und ich habe nur gemeint: “Das ist jetzt ein Scherz, oder? Also, Sie lassen mich jetzt da raus, vier Tage post OP, also noch nicht mal Fäden gezogen, in eine Welt, die sich gerade wirklich auf den Kopf stellt, und sagen mir noch, dass ich de facto eigentlich nicht so richtig zurechnungsfähig bin.” Ist eine wunderbare Ausrede, wenn man dann doch mal kurz explodiert bei Kindern oder Ähnliches, weil denen habe ich von Anfang an gesagt, Mama ist gerade nicht komplett sozusagen verantwortlich für all ihre Gefühle, wobei es im Endeffekt gar nicht so schlimm war, wie er es ausgemalt hat. Ich habe es ohne große Wutausbrüche und emotionale Dramen überlebt, aber in dem Moment dachte ich auch so: “Nee, das ist jetzt witzig.”

Dr. Gisela Linge: Und ja, ich weiß noch, was ich halt am Anfang schwierig fand und auch jetzt noch manchmal, es ja immer gefühlt jeder Tag der gleiche. Es wiederholt sich so viel, vor allem, wenn man im Homeoffice sitzt und vorher immer gewohnt war, mit vielen Menschen zu arbeiten. Und dann haben wir auch einfach mal abends mit den Kindern “Und täglich grüßt das Murmeltier” geschaut, weil es ja genau dieses Gefühl ist. Und außerdem lieben sie es, wenn man so alte Filme guckt.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, nein, genau das, also, ich glaube, dieser Mensch, der Schauspieler, wurde schon sehr oft erwähnt jetzt 2020, weil es haben sich sehr viele immer … oder wir haben “Dinner for one” geschaut. (unv.) wie jedes Jahr. Und bei uns heißt es ja, same procedures as every day.

Dr. Gisela Linge: Genau.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja. Und nein, aber toll. Und ich bewundere dich wirklich. Und so wie du von mir sagst, sage ich von dir, ich glaube, das hätte ich nicht geschafft, sag ich dir ganz ehrlich, weil ich habe dann doch meine Unsicherheiten, auch wenn es vielleicht nicht so rüberkommt. Aber das hätte ich, glaube ich, nicht geschafft, das, was du durchgemacht hast, weil bei mir wiederholt sich, weißt du, auch (unv.). Ja. Und jetzt habe ich aber eine Frage, liebe Gisela: Was würdest du gerne 2020 unbedingt machen?

Dr. Gisela Linge: Ich glaube, du meinst 2021, oder?

Claudia (Virale Gedankenkraft): Unbedingt.

Dr. Gisela Linge: Im Meer baden. Ich liebe das Meer und habe mir eigentlich immer vorgenommen, einmal im Jahr am Meer zu sein, was ein bisschen daran liegt, ich komme ja aus einem sozialen Milieu, in dem keine großen Urlaubsreisen drin waren, sodass ich wirklich echt erst mit 20 das erste Mal im Meer gebadet habe, und seitdem eigentlich immer versuchte, das zu tun. Und das ging letztes Jahr nicht. Ich musste dann im August überraschend dann doch in die Bestrahlung, weil sich noch aktive Zellen gefunden haben, also es war dann doch nicht so, wie gehofft, vorbei mit der ganzen Geschichte. Und dann durfte ich mich keiner Sonne aussetzen bei Bestrahlung, kann man sich auch vorstellen, eine der Nebenwirkungen ist, neben dem Haarausfall und so weiter, wirklich massiver Sonnenbrand und da gerade meine Stirn davon betroffen war und die Kopfhaut, hieß es dann: “Also, Strand, Meer, Sonne – das können Sie vergessen.” Also, da hoffe ich drauf, dass das irgendwann im Sommer oder von mir aus im Herbst und man kann dann irgendwo hinfliegen, dass es irgendwann wieder kommt, weil ich einfach auch viel Kraft aus der Ruhe, aus dieser Weite ziehe, wenn ich im Meer bin. Das ist so etwas, wonach ich mich sehne und einfach am Strand mit meiner Familie und meinen Kindern abzuhängen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, schön, und die Füße im Sand, und auch…

Dr. Gisela Linge: Ja, die Wärme, all das. Deswegen, Ostsee ist halt nicht so … Mein Mann sagt immer: “Lass uns doch Ostsee probieren.” Ich weiß, wir waren auch schon mal auf Rügen: Das ist alles superschön und auch Nordsee, aber da bin ich ein Weichei, also ich brauche über 22 Grad Wassertemperatur!

Claudia (Virale Gedankenkraft): Okay, okay, also liebst du eher die Hitze. Also bist du schon eher Hitzemensch, würdest du sagen?

Dr. Gisela Linge: Ja, schon. Also, jetzt draußen, ich meine, wir sind ja hier in Starnberg, draußen ist Winter Wonderland, und wir haben jetzt auch seit einer Woche einen Welpen. Aber wenn du dann nachts aufstehen musst und in die Kälte gehst, da denke ich mir so: “Den hätte ich lieber im Sommer bekommen.” Und ja, ich bin ja auch in der Steppe in Kasachstan geboren und das ist eher so mein Ding. Also Wärme ist halt eher meins als Kälte.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Okay. Also ich bin mir sicher, so im März haben wir wieder die 30 Grad in Deutschland, also, vielleicht da, wo ich jetzt wohne. Ja, zum Schluss ganz kurz: Welchen Impuls möchtest du den Zuhörern mitgeben, um nicht aufzugeben?

Dr. Gisela Linge: Nicht aufgeben, zum einen – also mir hat da einfach immer Achtsamkeit und Dankbarkeit geholfen. Weil ich glaube, was wir oftmals vergessen, ist gerade, wenn wir uns große Ziele setzen, um achtsam zu sein auf die kleinen Erfolge, die kleinen Schritte, und auch dankbar zu sein für diese und für die kleinen Dinge im Leben. Nach der OP habe ich wirklich angefangen so ein Dankbarkeitsjournal zu führen und wirklich jeden Tag drein Dinge morgens aufzuschreiben auf die ich mich freue, und Abends die drei Dinge aufzuschreiben die da waren, die schön waren und ich glaube, das hat mir sehr geholfen, auch wenn es mal nicht mit dem Sport geklappt hat, sondern es nur laufen gehen war, oder wenn die Kopfschmerzen wieder da waren, einfach zu sagen: “Hey, aber dafür bin ich zum Beispiel immer noch in der Lage meinen Lieblingstee zu riechen oder Blumen.”, weil die sind nur einen Millimeter an meinem Geruchssinn vorbeigeschrammt. Es war die erste Frage, als ich aufgewacht bin: “Riechen Sie noch?” Und glücklicherweise hatte die Nachtschwester auf der Intensivstation ein sehr starkes Parfüm, dass ich sofort sagen konnte: “Ja, ich rieche. Ich kann noch riechen!” Da waren sie alle erleichtert, und das würde ich halt mitgeben und vielleicht als Impuls, was mir geholfen hat nach diesem Rückschlag, dass ich doch in die Bestrahlung musste, was schon im Endeffekt für mich psychologisch belastender war als die OP, obwohl die OP eigentlich laut Ärzten das belastendere für den Körper war, also für den Gesamtkreislauf, war Michael A. Singer’s Buch “The Surrender Experiment”: Da geht es auch einfach viel darum, eher eine offene Haltung für den Lauf des Lebens zu haben, anstatt immer wieder in den Widerstand zu gehen und in die Nichtakzeptanz, Sachen zu akzeptieren und daraus die Kraft zu schöpfen.

Dr. Gisela Linge: Das heißt für mich jetzt nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagen muss, sondern einfach, wie ich schon am Anfang meinte, zu überlegen: Wo macht es denn jetzt wirklich Sinn, mich zu wehren innerlich? Und wo kostet es mich einfach nur Kraft, die ich für andere Sachen viel besser benutzen könnte? Denn dieses Loslassen, weil du sagtest, “Niemals aufgeben”: Also ich finde, manchmal kann man auch und sollte man auch manche Sachen aufgeben und loslassen und nicht sozusagen verbissen sein oder hinterherlaufen, weil das Leben ist einfach ein großer Try-and-Error-Prozess sage ich und jeder Tag wiederum beginnt von vorne und von Neuem und gibt die Chance, auch wieder ein wunderbarer neuer Tag zu sein.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Das stimmt. Das stimmt. Und ich bin sehr froh, dass du das gesagt hast, weil genau da fühle ich mit dir, weil bei mir ist es genau so: Jeder Morgen ist für mich die Chance, es vielleicht besser zu machen. Na ja, gut, in letzter Zeit klappt es bei mir nicht so gut. Es wird immer schlechter als besser, aber egal, auch solche Tage gibt es. Ich habe jeden Tag die Möglichkeit, auch mit meinem MS, meinen besten Tag daraus zu machen für mich.

Dr. Gisela Linge: Genau. Das ist es, glaube ich. Ich meine, du kannst ja die MS nicht besser machen und das liegt ja auch nicht an dir: Es ist halt dein Schicksal, so wie ich mit meinem Tumor und den Nachwehen zu kämpfen hatte und manchmal auch noch habe. Aber wir können wir uns nicht unterkriegen lassen und schauen: Was macht den Tag heute für einen bemerkenswerten Tag?

Claudia (Virale Gedankenkraft): Genau. Ja, ich danke dir von ganzem Herzen, dass du dabei warst, liebe Gisela! Es war ein tolles Gespräch und ja, ich wünsche dir alles, alles, alles Gute und vor allem ein tolles 2021, beruflich, gesundheitlich, privat! Und immer ein Lächeln im Gesicht!

Dr. Gisela Linge: Genau. Ich hoffe, das hört man auch, das Lächeln und die positive Einstellung und dir natürlich auch, wünsche ich dir all das und weiterhin viel, viel Kraft, Claudia, für all das, was für dich ansteht, weil wie gesagt, ich glaube immer noch, dass du den schwereren Weg gehst und bewundere dich dafür wirklich. Und vielen Dank, dass du mich eingeladen hast und dass wir dieses wunderbare Gespräch zusammen führen konnten. Alles, alles Gute für 2021, mit vielen wunderschönen Momenten!

Claudia (Virale Gedankenkraft): Danke. Vielen, vielen Dank! Und euch da draußen: Vielen Dank, dass ihr eingeschaltet habt! Danke fürs Zuhören, und bis zum nächsten Mal! Tschüss!