In wenigen Tagen ist es soweit und es ist Winteranfang. Eine Zeit des Rückzugs beginnt, nachdem der Herbst die Bäume hat kahl werden lassen. Sie haben all ihre Blätter losgelassen, um in ihren Wurzeln neue Kraft zu sammeln und im Frühjahr frisches neues Leben hervorzubringen.

Das Loslassen – ein vollkommen natürlicher Prozess, der eigentlich ohne viel Lärm, ohne viel Aufsehen und vor allem ohne viel Widerstand vonstatten gehen kann. Die Natur um uns herum macht es Jahr um Jahr auf stille und doch eindrückliche Weise vor. Eindrücklich, wenn man die Signifikanz dessen erkennt.

Es ist ein untrennbarer Teil des Lebens, dass Altes losgelassen werden muss, damit Neues entstehen kann. Ob sich ein Baum damit quält, seine Blätter abzuwerfen? Wohl kaum, tut er es wohl in der Weisheit, dass ihm seine alten Blätter als Nährstoff für die neuen dienen.

Wir Menschen machen es uns da schon schwerer. Erinnerungen, Bilder, Vorstellungen, Ideen, Informationen, Erfahrungen – wir sammeln so viel im Laufe unserer Lebenszeit. Das Sammeln besteht dabei nicht im durch-leben von Situationen, sondern darin, dass wir aktiv mit unseren Gedanken daran festhalten wollen. Je nach dem, wie wir psychologisch gestrickt sind, halten die einen an den Dingen fest, die sie mögen und die anderen an Dingen, die sich nicht mögen.

Und so türmt sich mit der Zeit eine Welt aus Erinnerungen in uns auf, die nicht mehr als ein substanzloses Gedankenkonstrukt ist und nichts weiter tut, als uns zu beschweren und den Fluss des Lebens behindern.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Seit ich mein Leben an den Rhythmen der Natur ausgerichtet habe, erlebe ich, dass auch wir Menschen eigentlich gar nicht aktiv etwas dafür tun müssen, immer wieder loszulassen. Wir müssen nur aufhören, festzuhalten. Das Loslassen ist eine natürliche Konsequenz. Doch was braucht es, um nicht festzuhalten?

Vertrauen. Vertrauen dahinein, dass es nichts zu Verlieren gibt. Vertrauen dahinein, dass das Festhalten an etwas nicht notwendig und ohnehin auch gar nicht möglich ist. Die Konstrukte, die wir durch Festhalten von Erlebtem in uns schaffen, geben nur ein trügerisches Gefühl von Halt.

„Wenn es der Baum ist, der immer wieder neue Blätter hervorbringt und seine Blätter immer wieder loslässt, dann ist das Beständige der Baum und nicht die Blätter.“ (Michael Rohrschneider)

So ist das Leben in uns Menschen das Beständige und nicht unsere Erlebnisse und Erfahrungen. Nicht die Menschen, die wir kennenlernen, nicht die Jobs, die wir haben. Unsere Lebenssituationen ändern sich von Jahr zu Jahr, manchmal von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde. Im Grunde von Moment zu Moment.

Das Leben im Rhythmus der Natur lässt das Loslassen natürlich werden, egal, was es ist. Wenn etwas die rechte Zeit und Reife hat zu gehen, dann geht es. Vorausgesetzt wir legen uns nicht selbst Stolpersteine in den Weg. Ein beliebtes selbstgebautes Hindernis ist zum Beispiel die innere Einstellung von „Collect memories, not things“ wie es manchmal auf diversen Plattformen zitiert wird. Das endlose Sammeln von Erinnerungen behindert den natürlichen Fluss des Loslassens und zieht die eigene Energie in eine Gedankenwelt voller Dinge, die längst geschehen sind und keine Lebensrealität mehr haben.

Loslassen bedeutet nicht loswerden. Lassen ist ein passiver Prozess. Er geschieht automatisch, sobald kein festhalten mehr da ist. Ein feiner und jedoch fundamentaler Unterschied zum Loswerden, was ein aktiver Prozess wäre.

Das Loslassen bedarf keiner Anstrengung, sondern im Gegenteil: es bedarf Entspannung. Und so erleben wir es, in dem wir still werden, dass wir Loslassen können beziehungsweise dass das Loslassen auf natürliche Weise ohne unser Zutun geschieht.

Und wo Altes losgelassen ist, darf Neues entstehen. Kein Baum würde wachsen, wenn er nicht Jahr um Jahr all seine Blätter loslassen würde. Und so können wir Menschen auch nicht wachsen im Sinne einer inneren Reife, im Sinne dessen, dass wir unser wahres inneres Potential entdecken können, wenn wir nicht regelmäßig loslassen.

Loslassen ist Freiheit.