Claudia (Virale Gedankenkraft): Hallo, herzlich willkommen bei der 16. Podcastfolge auf “Virale Gedankenkraft”. Heute habe ich die liebe Paula Nowak bei mir. Hallo, liebe Paula!

Paula Nowak: Hallo Claudia aus Berlin! Schön, dass ich hier sein kann!

Claudia (Virale Gedankenkraft): Freut mich, dass du dabei bist! Erzähl uns mal kurz, wer du bist.

Paula Nowak: Ja, also gerne Paula, gerne vom Vornamen. Ich bin hier in Berlin, und arbeite quasi für die Landeskirche. Das ist die Expo, die Evangelische Landeskirche hier, und bin Studienleiterin für Religionspädagogik. Ist also auch noch ein längerer Titel, aber vielleicht kann man sich vor allem merken, dass ich alle, die in der Ausbildung stehen und PfarrerIn werden wollen, oder LehrerInnen im Religionsunterricht medial ausbilde und weiterbilde. Das ist meine Hauptaufgabe.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Oh, schön. Ja, die erste kurze Frage: Wie hast du 2020 bis jetzt überstanden, liebe Paula?

Paula Nowak: Okay … Nicht so gut, ehrlich gesagt. 2019 war schon herausfordernd, und ich weiß noch, wie ich mich 2019 auf 2020 gefreut habe und sagte, “Das kann eigentlich nur besser werden.” Das habe ich, glaube ich, in meinem Leben noch nie erlebt, dass es noch mal beschissener geworden ist. Ja, genau. Freude war leider ein bisschen umsonst, denn 2020 wurde nun schlechter als 2019, und gerade dieser erste Lockdown im Frühling war eine große Herausforderung für uns als Familie.

Das war, glaube ich, so die krasseste Grenzerfahrung für mich in meinem Leben bisher.

Und ja, keine Ahnung, irgendwie bin ich immer noch am Verarbeiten und am Sortieren, und schwanke so zwischen, dass man irgendwie beruflich eigentlich schon gerne, dass alle irgendwie erwarten, es geht weiter und man lässt ja auch alles weiterlaufen und macht so seinen Job, und irgendwie würde man am liebsten aber so begleitetes Feedback nochmal haben und irgendwie ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin. Ja, also irgendwie geht das ja nicht so spurlos an einem vorbei, und ich mag das auch nicht so zu verdrängen.

Das ist schon echt noch so Thema: Was macht das mit uns mental? Was macht das so mit Kindern, die jetzt eingeschult worden, und naja, also schon noch ein großes Thema auf allen möglichen Ebenen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, das stimmt, da gebe ich dir vollkommen recht. Wir werden noch 2021 darüber reden, da bin ich mir sicher. Du hast einige Themen, die dich interessieren, auch 2020 vor allem und wofür du brennst. Welche liegen dir von den Themen besonders am Herzen?

Paula Nowak: Also es gibt so mehrere Ebenen sicherlich und die haben auch nicht immer nur so ganz dezidiert etwas mit Medienbildung zu tun. Also schon im weitesten Sinne, aber klar, so meine klassische Aufgabe ist halt immer, die religiöse Bildung mit der Medienbildung zusammenzudenken und zu verknüpfen und da Angebote zu schaffen für meine Zielgruppen und sich zu fragen: Wie verändert sich Lernen und Schulen durch Digitalität? Das ist so meine Grundherausforderung.

Und dann war aber 2020 auch nochmal so ein ganz besonderer Fokus, weil ja Kommunikation sich natürlich vorher schon verändert hat, aber dadurch, dass das jetzt alles so digital stattgefunden hat, habe ich mir schon auch nochmal mehr Gedanken gemacht, wie denn zeitgemäße Glaubenskommunikation auf den sozialen Netzwerken aussehen kann. Was will ich? Wie will ich mich darstellen? Wie will ich über Glauben kommunizieren?

Und gerade auf Instagram, ja, zu überlegen: Wie können da Glaubensinhalte aussehen? Und da waren so meine großen Themen dieses Jahr besonders Feminismus und Antirassismus, die mich immer noch beschäftigen und mich auch weiter beschäftigen werden. Ja, das waren so meine Herzensthemen tatsächlich, die sich sehr in den Vordergrund geschoben haben.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Okay, du hast ja am Anfang gesagt Bildung, Digitalisierung. Wie stehst du zu diesem Wandel? Wie findest du, hat sich Bildung und Digitalisierung 2020 verändert? Eher positiv, eher negativ?

Paula Nowak: Also am Anfang habe ich mich sehr schwergetan, als viele im Frühjahr von Chancen von Corona gesprochen haben und war da eher auch wütend, weil eben der persönliche, familiäre Fokus eher sehr schlimm empfunden wurde und als sehr herausfordernd und klar, als sich dann so langsam alles gelockert hat und das Kind wieder betreut wurde, da konnte man überhaupt erst wieder klar denken und sich über bestimmte Dinge Gedanken machen und war nicht so mit Alltagsstruggle beschäftigt.

Und da habe ich schon gesehen und mich auch gefreut, dass gerade meine Fortbildungen mir dann wirklich aus den Händen gerissen werden. Ich kann mich definitiv nicht darüber beklagen, dass die Bedürfnislage gestiegen ist und dass sich auch wirklich viele Projekte ergeben haben, dass ich gerade an so einem Punkt stehe, an dem ich denke, es öffnen sich viele Türen. Und trotzdem ist man, wie ich eingangs schon sagte, so mit sich selbst auch sehr beschäftigt.

Ich finde, das ist so schräg, dass man ja einfach noch mental sehr unter Strom steht und ich möchte dazu auch stehen und da auch ehrlich meinen Bedürfnissen gegenüber sein und nicht so tun, als könnte ich jetzt hier so durchstarten ohne Weiteres und als hätten wir keine anderen Probleme, außer beruflich jetzt neue Projekte an Land zu ziehen. Und versuche da, so ein Gleichgewicht für mich persönlich zu finden und auch anderen das bewusst zu machen.

Einmal in Workshops habe ich immer Verständnis dafür, wenn eine Mutter oder ein Vater absagt, weil irgendwie das Kind nicht betreut werden kann oder wenn sich einfach familiäre Bedingungen spontan ändern oder wenn einfach keine Kraft mehr da ist für die Lehrkräfte, sich jetzt noch mal mit anderen Dingen zu beschäftigen. Und ich versuche auch immer so ein bisschen tatsächlich seelsorgerisch für sie da zu sein und ihnen zuzuhören und manchmal brauchen sie auch genau das, dass ihnen mal jemand zuhört, dass sie so ein bisschen empowern werden, dass man nicht sagt: “Das musst du machen.” oder “Das hast du zu machen.”, sondern mein Ansatz ist immer eher so ein bisschen chancenorientiert und weniger noch mehr Druck aufzumachen.

Also ja, das ist so mein Ansatz oder mein Lehrstil, würde ich jetzt sagen. Und ja, dann versuche ich eben so die Themen anzuteasern und schmackhaft zu machen, die man sicherlich überall auch schon in guter Literatur findet, also wie sich Kommunikation geändert hat und wie sich Schule meiner Meinung nach ändern kann. Aber ich versuche, wenig Druck aufzubauen. Soll ich mal ein paar Themen nennen, die ich sozusagen wichtig finde für den Wandel?

Claudia (Virale Gedankenkraft): Sehr gerne. Das wäre meine nächste Frage gewesen, ja.

Paula Nowak: Genau.
Paula Nowak: Also ich finde es das ja immer so spannend, dass ganz oft nach Tools gefragt wird in meinen Workshops. Das ist immer gar nicht so einfach. Also Digitalität wird immer so als “Toolifizerung” verstanden und da versuche ich, bewusst zu machen, dass es eigentlich alle Bereiche verändert unseres Lebens und auch unseres Lehrens. Und da kann man zuerst auf die Kommunikation schauen, also ich kann ja viel vernetzter heute arbeiten, auch als SchülerIn habe ich jetzt beispielsweise die Möglichkeit, wenn wir jetzt im Religionsunterricht bleiben: Ich kann mir die Westmauer in Jerusalem, also bekannt als Klagemauer, im Buch angucken, oder ich kann auf Instagram gucken, was passiert da gerade?

Oder wo hat jemand einen persönlichen Bericht über diesen Ort geschrieben? Also es wird alles viel aktueller, viel vernetzter, wie man sich Wissen aneignet. Und dann gab es ja manchmal so Schlagwörter, die mir auch schon in der Ausbildung beigebracht wurden: “Lebenslanges Lernen”, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es ist eher so eine Phrase, die man drescht und eigentlich ermöglicht man Lehrern gar nicht, lebenslang zu lernen, denn das würde ja heißen, sie müssten sich häufiger als die acht Tage, glaube ich, die man hat für Fortbildung, freischaufeln lassen.

Also ich bin der Meinung, Lehrer sollten einen Tag dafür haben, sich fortzubilden und tatsächlich auch das ernst zu nehmen, dass es eigentlich dauerhaft etwas gibt, womit ich mich auseinandersetzen muss und wo ich Literatur lesen kann, wo ich mit anderen Leuten ins Gespräch gehen kann. Und ich finde das total hier auf Instagram und meine Bubble ist sehr politisch und sehr gesellschaftskritisch, also im Sinne von: “Wie kann ich meine demokratischen Rechte wahrnehmen?”, und so etwas, finde ich, kann man auch schon Schülern beibringen, also dass Social Media natürlich seine Herausforderungen hat, aber warum nicht auf das Positive konzentrieren, dass ich da einfach meine Stimme laut machen kann für das, was mir wichtig ist? Natürlich mit dem angemessenen Ton, nicht? Aber ja, das finde ich total spannend, also Demokratie zu gestalten, auch das ist für mich Digitalität.

Viel Zusammenarbeit, so Teamplayerdenken. Das merke ich auch an meinem Institut, an dem ich arbeite, dass ich als eine der jüngeren ein bisschen alleine dastehe, weil die ältere Generation in meiner Wahrnehmung sich gern auch ein bisschen einigelt oder für sich alleine arbeitet und das auch gar nicht so wichtig findet, sich auch Feedback zu holen. Das gilt dann eher so als: “Ich kann etwas nicht.” Und ich finde, ich kann etwas besonders gut, weil ich mit anderen zusammenarbeite, weil mir jemand ein Feedback gibt, oder weil der vielleicht die Expertise hat, die ich nicht habe.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Das heißt, du würdest jetzt sagen, man holt die Menschen jetzt viel zu wenig ab, indem man mit ihnen redet. Die Kommunikation beschränkt sich auf: “Du musst diese Methode lernen, und du musst genau diesen Tool benutzen, damit XY …” Und du würdest sagen, es fehlt an der Kommunikation?

Paula Nowak: Ja, ich glaube, es ändert sich eben nicht viel, wenn ich meine Unterrichtsweise, sage ich jetzt mal, von Tafel zu digitaler Tafel als Beispiel. Also es geht natürlich auch um Tools. Man muss auch Tools können und Tools sind ja auch klasse, um Dinge, um eigene Produktionen so in Gang zu bringen. Aber ich finde LehrerInnen, ich möchte sie dazu befähigen, zu erkennen, dass sich eigentlich alles ändert. Also es ändert sich meine Lehrervorstellung, meine Lehrerpersönlichkeit. Es ändern sich auch die Inhalte.

Ja, so die Beziehung auch zu den SchülerInnen, also komplett Schule neu zu denken. Das, finde ich, geschieht noch viel zu wenig. Das würde wahrscheinlich auch zu viel verändern, als so manchen lieb ist. Aber das meine ich damit, dass Digitalität eben nicht heißt, ich kann jetzt hier die App bedienen. Das ist ja nur ein Minielement, sondern ich mache mir einfach so grundlegend Gedanken: Wie funktioniert mein Unterricht? Und eigentlich wirft es relativ viel um.

Oder positiv gesehen, ich kann mich ganz neuen Zielen widmen, sozusagen. Also ich hätte da als Lehrerin total Lust und würde das eher immer als Chance sehen, mich so zu verhalten, wie ich mich im restlichen Leben eben auch schon verhalte, sagen wir mal so.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, ja, da stimme ich dir zu. Warum, denkst du, ist das so? Warum, denkst du, dass es nach so langen Jahren, nach so vielen Jahren immer noch eine Schwierigkeit ist, das zu kommunizieren oder zu vernetzen oder irgendwie den Menschen zu sagen: “Hey, das ist gar nicht so schlimm, sich nicht persönlich zu vernetzen, sondern vielleicht jetzt gerade, weil mir keine andere Möglichkeit haben, digital.”?

Paula Nowak: Ja, gute Frage. Ich habe ja auch immer Respekt vor Politikern und ihrer Arbeit und kann das auch gar nicht so einschätzen, warum das so schwierig ist, das politisch durchzusetzen, weil ich glaube, es gibt auch schon einige, Doro Bär, zum Beispiel und auch andere PolitikerInnen anderer Parteien, die das ja auch verstehen, dass man jetzt, sage ich mal, die Ausbildung der LehrerInnen zum Beispiel grundlegend verändert. Aber ich merke es auch an meinem Kontext.

Die Bereitschaft, also A, muss man verstehen, es würde eben doch relativ viel verändern und da muss man eben Leute vielleicht auch grundsätzlich anders mitnehmen und ihnen das von den Professoren an den Universitäten erklären. Sozusagen, dass es einfach tatsächlich heißt, die Curricula umzuschreiben, dass man sich vielleicht aber auch von Inhalten verabschiedet. Ich weiß es nicht genau, woran es liegt. Ich kann nur sagen, wahrscheinlich bedeutet das auch, dass man sich von bestimmten Inhalten löst, dass es vielleicht auch gar nicht mehr so viel Inhalte gibt.

Also die Curricula zu entschlacken, heißt ja nicht, dass man wichtige Dinge vergisst, sondern dass man ganz klar sagt, wir schaffen es eh nicht und so wie momentan Schule läuft, ist die Frage: Haben wir sie jetzt tatsächlich auf die wichtigen Dinge vorbereitet? Sind sie denn demokratisch mitgestaltende Menschen? Sind sie auf ihre Steuererklärung vorbereitet? Wissen Sie, wie die Nachrichten funktionieren, wie Journalismus funktioniert? Also ich glaube, den Mut zu haben, anzuerkennen, dass tatsächlich Inhalte sich eben doch auch verändert haben und dass ja Inhalte auch anders lehren, als dass da irgendwie so Themen in einem Curriculum stehen.

Das bedeutet, glaube ich, ganz viel Mut. Das nehme ich so wahr, dass es auch häufig einfach an radikalen Änderungen, also Mut für radikale Änderung fehlt und da sollte man vielleicht beginnen, genau diese Menschen zu empowern. Also die Menschen, die KämpferInnen sind, zu empowern und das passt jetzt vielleicht auf vielen Ebenen noch nicht ganz so. Das merke ich ja selber. Ich habe immer so einen Eindruck, wenn ich Dienst nach Vorschrift machen würde, hätte ich es einfacher.

Und naja, das ist so meine Erkenntnis, also, auch zu sagen: “Okay, die Leute, die jetzt hier VorreiterInnen sind, die starten wir mit dem aus, was sie brauchen, damit sie andere mitziehen können.” Vielleicht wäre das ein Anfang, aber ich bin keine Politikerin und ich möchte mich da auch nicht in deren Belange so einmischen. Ich kann so von meinem Dunstkreis sagen, was ich so als Studienleiterin bräuchte noch an weiteren Befähigungen und was ich so an meinem Dunstkreis bräuchte, damit ich besser zur Entscheidung komme und besser zu meinen Zielen.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, das ist ein schwieriges Thema und politisch, ja, das ist ein Thema für sich. Aber es stimmt schon, das sollte man, könnte man, dürfte man gerne etwas mehr tun und sich für die Menschen einsetzen, und vor allem auch Frauen empowern. Wie würdest du das sehen? Also, ich kann nur ein kleines Beispiel geben aus der IT: Die Frauen sind immer noch nicht an dem Punkt angekommen zu sagen: “Hey, ich möchte jetzt in die IT. Ich möchte Informatik, ich möchte einen technischen Beruf.” Sie sind da sehr gehemmt. Und dann kommt noch alle Umwelt, also Außeneinflüsse, die halt auch noch dafür sprechen, dass die Frauen noch weniger tun als jetzt, sage ich jetzt mal, oder sich trauen. (unv.) Wie ist das bei dir so?

Paula Nowak: Ja, also sicherlich ist es in geisteswissenschaftlichen Fächern nochmal anders sozusagen, aber trotzdem nehme ich das ja wahr, und habe auch eine eigene Tochter (unv.). Es gibt eine gewisse Prägung ab dem Kita-Eintritt: Den muss ich so hinnehmen und das kann ich jetzt auch nicht großartig ändern, aber ich habe schon gemerkt, dass ab Kita-Eintritt meine Tochter sich mit Fragen auseinandersetzt, die sie so nicht von uns bekommen hat, weil wir uns sehr bemühen, sie so zu nehmen wie sie ist, und sie nicht in eine Rolle reinzupressen.

Was auch nicht immer so einfach ist, weil ich ja auch bestimmte Rollen-Stereotype internalisiert habe, aber ich mache es mir auf jeden Fall bewusst und will, dass sie ihren Weg wählt und dass sie ihre Eigenschaften, die sie besitzt, geschlechtsunabhängig ausleben kann. Und klar, ich merke so, dass irgendwie Literatur oder dass die Vorbilder, die sie hat, dass es eben immer noch sehr klassisch ist und das, was du jetzt gerade gesagt hast, der technische Beruf oder männerdominierten Berufe, das ist mir natürlich auch wichtig, auch wenn ich damit jetzt so nichts zu tun habe im Alltag.

Aber ich kenne es ja aus meiner eigenen Schulzeit, dass die klassischen naturwissenschaftlichen Fächer, dass das immer ein Unterschied für mich als Mädchen war, ob es ein Lehrer oder eine Lehrerin war interessanterweise. Also es hat etwas mit Rolemodels zu tun irgendwie. Natürlich hatte ich auch einen guten Physiklehrer, aber es macht einen Unterschied, ob ich wahrnehme, dass, was weiß ich, Deutsch nur von Frauen unterrichtet wird und Physik hauptsächlich nur von männlichen ReligionslehrerInnen. Und da fängt es ja so ein bisschen an, dass man da sozusagen mit Vorbildern auch arbeitet, mit positiven Vorbildern, weil ich glaube, das macht ganz viel aus, welche Vorbilder ich habe.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, ja, da gebe ich dir recht. Trotzdem merke ich an den Schulen, ist halt auch dieses Thema von Loslassen, ob zum Beispiel auch gedanklich oder auch Muster, nach denen man zum Beispiel unterrichtet. Ich habe auch hier Nachbarskinder und sie haben eine sehr strenge Klassenlehrerin und die will partout eben Sachen nicht ändern. Wie gehst du damit um? Wenn zum Beispiel deine Tochter nach Hause kommen würde und würde sagen: “Hey du, Mama, guck mal das und das könnte man vielleicht – Also wenn sie jetzt ein bisschen größer ist. – das und das könnte man anders machen. Aber die Lehrerin will nicht.”?

Paula Nowak: Gute Frage. Zum Glück hatte ich die Situation noch nicht. Also bisher war es ja eher so, dass sozusagen andere Kinder in der Kita sie etwas geprägt haben. Weiß nicht, in Serien, die man guckt oder mit kindlichen Idolen, denen man so nachfiebert. Sonst muss ich mal überlegen, wie ich da reagieren würde. Also ich meine, es gibt natürlich jetzt schon Situationen. Sie ist an einer katholischen Schule und wir sind ja eigentlich evangelisch. Und als sie in die Schule gekommen ist, da kam sie eben nach Hause und hat auch erzählt, dass eben vor dem Unterricht gebetet wird, vorm Essen und so weiter.

Also es gibt viele Gebete, was wir per se natürlich gut finden, jetzt erst mal nicht schlecht finden, aber das katholische Glaubensbekenntnis ja quasi vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist spricht und ich als Feministin kenne natürlich auch ganz viele Katholikinnen, die das anders formulieren würden, also da auch weibliche Gottesbilder integrieren würden. Und da habe ich schon ab und zu mal mit ihr Gespräche oder ob Gott eine Frau oder ein Mann ist. Also wir haben schon so unsere Diskurse und ich würde das einfach erweitern. Ich würde es jetzt auch dem Kind nicht schwer machen und der Lehrerin so in Rücken fallen und da so ein Problem aufmachen, sondern sie hat ja eh in ihrem Umfeld zum Beispiel auch einen Vater, der atheistisch ist.

Das ist ja auch eine Herausforderung und das meistert sie aber auch. Also ich glaube, eher zu sagen, “So ist halt Gesellschaft”, es gibt verschiedene Sichtweisen und solange es sich noch im Rahmen des Grundgesetzes bewegt, würde ich da auch nicht agieren, sondern ihr sagen: “Ja, ich stelle mir es anders vor. Und wie geht es dir damit? Was hast du für Vorstellungen?” Ich würde sie eher ermutigen, sich da eigene Gedanken zu machen. Das kann sie auch schon ganz gut und da bin ich ganz stolz drauf.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Super, ja. Das ist wichtig, weil ich merke doch, dass vor allem auch 2020 ist für Eltern eine sehr große Hürde, sage ich jetzt mal. Und man merkt auch hier, dass sehr viele angespannt sind. Und dann versucht man den Kindern, etwas – sage ich jetzt mal – aufzubürden, was die Kinder gar nicht tragen können. Und, ja, das ist immer so ein schwieriges Thema. Ist es bei dir oder bei der Tochter so, dass in der Schule zum Beispiel: Vielfalt, wie geht sie mit Vielfalt um? Du hast ja schon gesagt, dass du versuchst, sie in Anführungsstrichen so liberal wie möglich aufzuziehen, oder zumindest mal gedanklich, dass sie entscheiden kann, in welche Richtung sie geht.

Paula Nowak: Das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht. Weil wir durch diese Corona-Situation und diese Corona-Einschulung gerade nicht so viel Kontakt haben zu den LehrerInnen. Aber ich versuche in meinem Dunstkreis mehr darauf zu achten, habe da auch 2020 erst so richtig bewusst angefangen und habe gemerkt, es macht schon einen Unterschied, ob ich mir das nur in meinem Kopf denke und was vorlebe, oder ob ich auch ihr Kinderzimmer dementsprechend gestalte.

Nun werfe ich natürlich nicht alles weg was wir angeschafft haben, aber ich erweitere. Also ich gucke jetzt zum Beispiel viel Kinderliteratur auch mit ihr an. Ich rezensiere sozusagen für meine Arbeit, also die für ihr Alter auch angemessen sind, und bespreche es mit ihr und lass sie auch so ein bisschen oder gucke einfach, wie sie darauf reagiert, ob das Buch sie anspricht und habe dann im Gespräch über Krippendarstellung, weil mich das auf Instagram auch sehr beschäftigt hat, mal mit ihr drüber gesprochen, wie sie sich Jesus vorstellt.

Und da war sie der Meinung, sie stellt sich den weiß vor. Und jetzt habe ich das erst mal so angenommen, habe jetzt aber so ein paar schöne Grafiken bestellt bei einer amerikanischen Künstlerin, die ebenso ein bisschen diverser malt. Die kommen jetzt hoffentlich an und stelle die einfach mal so ein bisschen in meiner Wohnung auf und will das gar nicht immer so belehrend zum Thema machen, sondern gucke einfach, dass das, was ich so im Kopf habe und was ich ja auch vom Herzen so mittrage, dass das einfach in meiner Wohnung jetzt vor allem so sichtbar ist. Und da wird man schon mit ihr ins Gespräch kommen und das wird sie schon auch prägen, bin ich ganz überzeugt davon.

Aber ich will da jetzt nicht so ewig Gespräche führen, dann hat das auch so ein Überbau, sondern ich glaube, die checkt das schon, wenn das einfach hier sichtbar ist. Wenn sie merkt, das ist etwas, worüber sie mit mir sprechen kann und sie diese Vielfalt sozusagen in der Wohnung erstmal wahrnimmt. Und den Rest habe ich ja jetzt auch nicht unter Kontrolle, nicht? Die restliche Außenwelt. Da muss sie dann selber mit umgehen lernen, mit dem Alter irgendwie. Da kann ich ihr nur etwas mitgeben, ganz viel versuchen, mitzugeben. Und dann muss sie das selber irgendwie, umso größer sie wird, schaffen.

Claudia (Virale Gedankenkraft)Ja, das finde ich sehr gut. Also da Chapeau, weil es ist so wichtig und vor allem diese Vielfältigkeit vorzuleben, nicht zu sagen. Das finde ich sehr wichtig, weil das Kind wird schon merken, wenn, sage ich jetzt mal, der Moment gekommen ist, wie du gesagt hast, dass es Redebedarf hat. Und ja, jetzt möchte ich, liebe Paula, zu einer Frage kommen, weil ich das auf deinen Instagram-Account gesehen habe. Könntest du uns vielleicht kurz erklären, was das feministische Andachtskollektiv ist?

Paula Nowak: Ja, total gern, weil es mir so am Herzen liegt. Wir haben im ersten Lockdown, ich glaube, im März uns ein bisschen gefunden. Wir kennen uns auch noch gar nicht alle kohlenstofflich, sondern ja, es gab eine Initiatorin. Das ist die Meike, auch unter “Ja und Amen” bekannt, die sozusagen Menschen angefragt hat. Also Frauen, wie auch nicht binäre, quere Personen.

Das heißt, wir sind nicht nur ein Frauenkollektiv das wird nämlich ganz oft falsch verstanden. Und genau, also schon Leute, die sich als christlich sehen, die auch damit beruflich zu tun haben, zusammengestellt. Wir sind jetzt ein Kollektiv von neun Personen, von neun Menschen, sage ich immer, die sich als feministisch sehen. Das sage ich nämlich so, weil wir hätten auch Männer aufgenommen, also Feministen müssen nicht nur Frauen sein. Ich würde es sogar schön finden, wenn viel mehr Männer das auch so sagen.

Und wir wollen sozusagen ein Podium sein, auf dem christliche feministische Stimmen deutlich werden und das machen wir jeden Sonntag in einer Andacht, aber auch in anderen Formaten. Wir haben uns jetzt eh nochmal im November neu sortiert und nochmal ein bisschen innovativer gedacht was für neue Formate wir bringen wollen. Und sind jetzt auch gar nicht mehr bei jedem Sonntag, aber es war jetzt quasi sieben, acht Monate so, dass wir vor allem das in Andachten gestaltet haben und auch immer andere Personen als GästInnen eingeladen haben.

Wir hatten zum Beispiel ganz tolle Frauen aus den Ordensgemeinschaften dabei, die ganz kluge feministische Gedanken mit sich hatten. Also ich bin ja eh so ein Ordensfan, und war ja selber in einer katholischen Schule und habe da die selbstbewusstesten Frauen kennengelernt, sodass ich weiß, dass die eben nicht sich unterdrücken lassen oder dass das irgendwie schwache Frauen sind, die dann aus dem Grund ins Kloster gehen, sondern das sind sehr starke Persönlichkeiten, die genau wissen, was sie von der Welt wollen und auch klug sind. Und von daher war mir das immer wichtig, wenn ich so eine Andacht poste, also jeder kann auch, jeden Sonntag wird das von einem anderen gehostet.

Ich versuche immer dann die sozusagen immer ein bisschen einzubeziehen, weil ich so ein Fan von denen bin. Aber ansonsten haben wir so ein bisschen den Freundinnenkreis, in den wir immer auch andere Stimmen einladen, je nach Thema. Also beispielsweise als der Anti-Rassismus oder der Rassismus so aufploppt im Mai und sich tatsächlich keiner mehr davor drücken konnte, sich damit zu beschäftigen, haben wir eben auch vor allem den Stimmen die Andacht gegeben, die betroffen sind. Und so versuchen wir, das aufzubauen.

Wir sind ein festes Kollektiv, die auch viel unter der Woche über Slack, also über so einen Messengerdienst miteinander kommunizieren, aber wir sind auch für andere Stimmen. Wir wollen eben auch ein Raum sein, in dem vor allem die, die oft nicht so gefragt werden, ihre Meinung loswerden können und sind ganz froh, dass wir in so kurzer Zeit auch schon fast bei 2000 FollowerInnen sind. Ja, genau.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, das hat mich total begeistert und ich verfolge es auch sehr gerne und dann habe ich doch gemerkt, dass es Themen da draußen gibt, die unbedingt angesprochen werden müssen oder sollten. Und wie du jetzt schon öfter gesagt hast, Rassismus, findest du, dass Frauen mehr von Rassismus betroffen sind oder findest du jetzt mittlerweile, dass Rassismus, sage ich jetzt mal, sexualitätsübergreifend passiert?

Paula Nowak: Ja, auf jeden Fall. Das hat nichts mit der Sexualität zu tun, aber quasi Diskriminierung. Also wenn man intersektional denkt, heißt es ja, Diskriminierung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Und da ist es schon so, auch glaube ich, auf dem Stand der Wissenschaft, dass, sage jetzt einmal, eine schwarze Frau oder ein Mensch, der sich als Frau definiert nochmal mehr Struggle hat als ein schwarzer Mann. Sondern dass da Diskriminierung auch nochmal auf einer anderen Ebene hinzukommen kann, auch nicht muss, aber das kennen wir wahrscheinlich auch in Deutschland.

Also ich kann es nur für mich sagen, dass Alltagssexismus mir nach wie vor begegnet und das immer auch ein großes Thema auch in meiner Vergangenheit war. Ich habe jetzt keine schlimmen Sachen erlebt, aber trotzdem reicht das, um dafür sensibel zu sein und auch oft genug genervt zu sein, gerade von männlichen KollegInnen – Kollegen, jetzt in dem Fall – und da einfach auch nicht zu denken, wir haben ’68 mit der Evolution alles erreicht, sondern es ist einfach so ein Thema und auch Feminismus ist eben ein Thema, das alle Menschen erreicht. Also FeministInnen kämpfen dafür, dass es allen gut geht und dass eben eine Gerechtigkeit für alle erreicht wird.

Das wird immer so häufig missverstanden, und ist ja auch in einer ganz anderen Phase. Im Jahr 2020 ist Feminismus ja auch sehr vielfältig: Es gibt Feministinnen, die sich total gerne stylen und sich schminken und Nagellack tragen und dazu auch restlos stehen, dazu würde ich mich zum Beispiel auch zählen. Und dann gibt es natürlich auch in der linken Szene Feministinnen. Das ist halt sehr vielfältig, und man sollte da nicht so in Schubladen denken.

Und ich freue mich, wie gesagt, wenn auch immer mehr Männer sich dazu positionieren und sehen, dass es auch für sie einen großen Gewinn hat, denn ich glaube auch ganz viele Väter leiden darunter, dass sie immer noch so von Elternzeit ausgeschlossen werden oder dass der Arbeitgeber nicht mitzieht, oder von der WhatsApp-Gruppe von der Kita ausgeschlossen werden. Also es sind so viele kleine Dinge, bei denen ich denke, dass Männer da definitiv auch einen ganz großen Gewinn mit sich ziehen für ihre Entwicklung.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, das stimmt. Das stimmt. Das bekomme ich hier im Süden auch ziemlich viel mit, und es tut schon ein bisschen im Herzen weh, weil mittlerweile sind, glaube ich, die Väter müssen sich mehr rechtfertigen, dass sie Zuhause sind, auf das Kind aufpassen und die Frau arbeiten geht. Ja, das ist schon ein komisches Bild. Und zum Schluss, liebe Paula: Was gibst du den Zuhörern da draußen mit? Was liegt mir am Herzen? Was möchtest du denen mitgeben?

Paula Nowak: Ja, also ich habe ein bisschen überlegt, was so häufig einfach kein Kennzeichen ist meiner Arbeit und da ist mir so der Begriff Partizipation tatsächlich eingefallen und dazu in allen Bereichen. Also Partizipation ist so ein bisschen der Schlüssel zu guten Lösungen und das kann im Bereich Digitalität heißen, dass wenn ich jetzt als Schule digitalen Unterricht plane oder als Senat, dass eigentlich viel mehr LehrerInnen auch mitdenken und mitgestalten müssten.

Im Bereich der Kirche würde das heißen, wenn wir wollen, dass mehr junge Menschen in die Kirche kommen oder auch in der Kirche bleiben, dann sollten wir mutige Konzepte wagen und diesen Bereich besonders pushen und das – muss ich ganz selbstkritisch sagen – passiert halt einfach noch nicht. So, und wenn ich aber zum Beispiel Lust habe auf gute Stellen und auch gute Formate, muss ich halt die richtigen Menschen für die passende Aufgabe an die Stelle setzen und nicht diese Abschlussfixiertheit, die überall noch ist, oder? Also ja, das ist so für mich ein ganz großer Wunsch, dass man inklusiv partizipativ denkt und die leidenschaftlichen KämpferInnen in diesem Bereich dann auch würdigt und empowert.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja, ich bin voll bei dir und da liegt, glaube ich, noch ein bisschen Arbeit vor uns Menschen. Aber ich bin guter Dinge, ich bin guter Dinge, weil wir haben Menschen wie dich und es gibt so viele tolle Menschen da draußen, die sich genau dafür einsetzen oder halt eben, dass mehr Gerechtigkeit herrscht. Und in ein paar wenigen Jahren bin ich guter Dinge, dass wir dann hoffentlich so weit sind.

Paula Nowak: Ja, ich habe mir auch überlegt: Wenn ich so an mich denke, also für mich wünsche ich mir einfach, dass ich die demokratischen Strukturen im Netz weiter mitgestalten darf, und da sozusagen Mitgestalterin werden sein kann. Und das ist so mein persönlicher Wunsch, wo ich denke, da geht es hoffentlich für mich weiter und da habe ich auch Lust drauf, und das ist ja auch so meine Sphäre, wo ich sozusagen in meinem Beruf ganz viel schaffen kann. Also Social Media ist für mich einfach eine omnipotente Plattform, die ich nicht mehr missen möchte.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Ja. Ich glaube, liebe Paula, das werden wir nicht. Ich glaube, es werden noch einige dazukommen, aber es ist schon wichtig, dass man eben seine Stimme nutzt, vor allem auch digital und genau die Menschen erreicht, die vielleicht ein bisschen scheu sind, sage ich jetzt mal.

Paula Nowak: Ja, absolut. Sehe ich genauso.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Liebe Paula, ich danke dir von ganzem Herzen, dass du da warst, und wünsche dir alles Gute.

Paula Nowak: Wünsche ich dir auch, Claudia.

Claudia (Virale Gedankenkraft): Und euch da draußen: Vielen, vielen Dank fürs Einschalten, fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge. Macht’s gut! Tschüss, Paula.

Paula Nowak: Tschüss!