Schon als Kinder erleben wir das Loslassen als eine Herausforderung. Wir machen unsere ersten Schritte an der Hand von Mama und Papa, noch ganz wackelig und doch so neugierig auf diese Welt, die sich uns plötzlich aus dieser Perspektive erschließt. Sollen wir uns trauen, diese sichere Hand loszulassen, um das Neue zu erkunden? Oder lieber doch noch ein bisschen beobachten und abwarten? Manch eine:r lässt sich mehr von der Neugierde leiten, andere von der Vorsicht, am Ende gehen wir aber alle mutig unseres Weges.

Wir fallen hin, stehen wieder auf, probieren es noch einmal, bis Laufen plötzlich zur Selbstverständlichkeit wird und wir uns anderen Dingen widmen können. Irgendwann im Laufe unseres Lebens passiert dann etwas Komisches: das „Festhalten wollen“ und das „Misserfolge vermeiden wollen“ übernehmen und unsere Neugierde wird davon eingeschränkt. Manchmal verkümmert sie ganz. Wir halten uns lieber an etwas (vermeintlich) Sicherem fest, um keine Fehler zu machen.

Wir treten von der Kinderwelt, in der Lernen, Fragen stellen, Experimentieren und Fehler machen die Normalität sind, in die Erwachsenenwelt ein. Wir übernehmen Regeln und Muster unserer Gesellschaft, unseres Umfeldes und hören auf, sie zu hinterfragen. Wir übernehmen den Glaubenssatz, dass das Suchen nach Wahrheit und Sicherheit zum Erwachsensein dazugehört. Das führt dazu, dass wir in uns viele Überzeugungen ansammeln, die dann unser Handeln steuern. Im Laufe der Jahre werden es immer mehr und wir haben nicht gelernt, diejenigen loszulassen, die uns nicht gut tun, die im Hier und Jetzt keinen Sinn mehr ergeben. Wir fühlen uns überlastet, von außen gesteuert, erleben Erwartungsdruck und Stress.

Mir hilft in diesen Momenten der Überlastung immer die Frage “Hat das Sinn oder kann das weg?”, um leichter loslassen zu können. Meine Grundannahme ist dabei, dass alles, was ich tue, einen bestimmten Sinn erfüllt. Es gibt in mir einen Grund, warum ich so handele. Es ist mir dabei wichtig, dass ich milde zu mir selbst bin und nicht mit mir hadere, mich über mich selbst ärgere. Ich frage also mich selbst oder versuche in Gesprächen mit Anderen herauszufinden, welcher Sinn hinter etwas steckt, dass ich eigentlich gar nicht mehr tun möchte.

Wenn ich diesen Sinn gefunden habe, kann ich ihn mir ansehen und überlegen, ob er im Hier und Jetzt noch passend ist, noch wirklich einen Sinn erfüllt. Allzu häufig erlebe ich dann in der Reflektion, dass ich mit einer veralteten Überzeugung, einer antrainierten Regel, mit etwas Dysfunktionalem unterwegs war. Dann fällt mir das Loslassen schon etwas leichter. Insbesondere, wenn ich merke, dass ich etwas „so gelernt“ habe, dass es gesellschaftlich so gewünscht ist, fällt mir dies immer leichter. Manchmal entdecke ich, dass der Sinn hinter meinem Handeln für mich nach wie vor wichtig ist, aber mir wird klar, dass es bessere Wege gibt, diesen zu erreichen. Dann kann ich über neue Routinen nachdenken, die sich besser anfühlen und die alten nach und nach loslassen.

Nun leben wir in einer Zeit großer Umbrüche. Dass es wesentlicher Veränderungen in unserer Gesellschaft bedarf, ist der logische Schluss. Ich denke, dass das jedem:r von uns klar ist. Und doch hängen wir noch viel zu oft an unseren bisherigen Ideen, Lösungen, Regeln und Mustern fest. Ich will auch hier milde sein: Das ist eine ganze Menge, die wir loslassen müss(t)en. Ich glaube, dass jeder von uns im tiefen Inneren weiß, dass wir dann, wenn wir einmal anfangen, uns von althergebrachten Wahrheiten zu verabschieden, eine Lawine auslösen.

Eine Lawine logischer Konsequenzen, vor denen wir dann die Augen nur noch schwer verschließen könnten. Und das lässt zurecht Angst und Unsicherheit in uns entstehen. Was, wenn ich plötzlich etwas loslassen muss, zu dem ich einfach (noch) nicht bereit bin? Ohne das ich nicht leben kann? Je mehr wir spüren und verstehen, dass der Impact des Veränderungsbedarfs auf unser eigenes Leben groß sein wird, und uns klar wird, dass wir dies auch nicht zu Ende durchdenken, kontrollieren, im Griff haben können, umso schwerer fällt es uns, den ersten Schritt zu machen. Denn allem Veränderungsbedarf liegt ein wesentlicher Punkt zugrunde: Wir müssen zuallererst die Vorstellung loslassen, dass wir etwas im Griff haben könnten, dass es Sicherheit gäbe.

Ich erlebe es deshalb für mich als hilfreich, das Loslassen zu üben. Immer wieder schaue ich, welche kleinen Dinge ich loslassen kann, um mich an die gemischten Gefühle, die damit einhergehen, zu gewöhnen. Ich trainiere meinen Loslass-Muskel, um für größere Herausforderung bereit zu sein. Das fühlt sich für mich gut an, weil ich mich damit nicht als Opfer der Veränderungen um mich herum sehe, sondern als Gestalterin. Und immer häufiger erlebe ich Momente, in denen ich vor allem das befreiende Gefühl des Loslassens genießen kann und die negativen Gefühle dahinter verschwinden.

Was meinst Du: Hat das für Dich Sinn oder kann das weg?