Aus dem Berufsleben

Die letzten paar Tage, oder auch die letzten wenige Wochen, sind für mich sehr aufwühlend, schmerzhaft gewesen. Es ist für mich erschreckend miterleben zu müssen was die Coronakrise aus manch ein Mensch so macht.

Ich fange mit den „sanfteren“ Themen an, die mir doch mehr zusetzen als gedacht. Zwar nicht so sehr wie das persönlichere Thema, aber dass ich beruflich nie ernst genommen wurde, seit meiner Multiple Sklerose Diagnose, ist nicht die feine Art. Natürlich kann man alles gut „überstehen“, „meistern“, wenn man ein dickeres Fell hat, aber komplett auf Durchzug schalten, kann auch ich nicht. Denn was ich nicht verstehe:

Warum werden Menschen nicht akzeptiert die eine schwere, chronische Erkrankung haben und gleichzeitig eine große Leidenschaft für den Job, Beruf, Berufung. Bin ich automatisch eine schlecht arbeitende Persönlichkeit nur aufgrund meiner schweren Erkrankung?

Leider habe ich seit Jahren das Gefühl, dass in unserer heutigen Zeit nur noch 2 Unterschiede, 2 Schubladen gibt:

  1. Menschen die Gesund sind und alles Rocken,
  2. Menschen, die krank, schwer krank sind und bewusst sich dafür entschieden haben – aufgrund der äußeren Umstände – die Krankheit zu verdrängen.
    Nicht nur weil es für einige als Schutzmechanismus eingesetzt wird, nein irgendwie habe ich das Gefühl, das viele denken „Ha mir geht’s gut, ich werde es auch so reißen wie die anderen, ohne, dass jemand etwas davon erfährt. Dann werden viele so arg demotiviert, dass sie der Mut verlassen hat, etwas Neues zu beginnen, das zu tun worauf sie Lust haben, was ihnen Spaß macht.

Ab und zu versucht man schon die eigene Krankheit zu verdrängen, nach dem Motto „Wichtig ist nur ein normales Leben zu führen, sich nicht auf die Krankheit zu konzentrieren und Hauptsache funktionieren. In dem man über die Krankheit spricht, wird man als Ballast empfunden.“

Doch warum nicht einfach dazu stehen?

Denn nicht eine Krankheit definiert uns, sondern die Leistung, die wir erbringen.
Einzig und allein die Leistung.

Wie überall auch, ist es nicht wichtig ob man klein, dünn, dick, blond oder nicht ist, wenn die Leistung stimmt, dann spielt es keine Rolle welches Lebens-Rucksäckchen man mit sich schleppen muss.

Die Aussage, die ich von einem potentiellen Kunden erhielt, ließ mich einige Stunden, Tage nachdenken und einiges Hinterfragen.

Ja meine Selbstzweifel (ob privat oder beruflich) waren die Tage sehr groß, doch konnte ich meinen inneren Schweinehund überwinden und mich mal mit dem Problem einen kurzen Moment auseinanderzusetzen. Das habe ich getan und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich (wie immer) niemals aufgeben werde.

Denn ich weiß über welche Qualifikationen ich verfüge und auch, dass es durch die Erkrankung etwas länger gehen wird um es an den Mann/Frau zu bringen, aber ich habe viel Ausdauer.

Aus dem Privatleben

Nicht ganz einfach darüber zu schreiben, doch es werde es dennoch versuchen. Die letzten Tage habe ich viel geweint. Sehr viel sogar. Denn ich hätte mir nie im Traum ausmalen können, wie verletzend und voller Hass manche Menschen sein können.

Das wir Risikogruppler es nicht leicht haben in Zeiten von Corona war mir mehr als bewusst, aber, dass ich dafür verantwortlich gemacht werde, dass viele Menschen kein „NORMALES“ Leben mehr durch mich/uns erfahren, ließ mich etwas sprachlos werden.

Die letzten Wochen durfte ich mir vermehrt Beleidigungen anhören wie:

  • „Wärt ihr nicht du und deine scheiss Risikogruppenkollegen, dann würden wir uns gesunden nicht einschränken müssen..!“

  • „Der Teufel soll dich holen mit deiner scheiss Krankheit, aber vielleicht bist du der Teufel, sonst wärst du noch gesund!“

  • „Meine Kinder müssen wegen euch Mistkäfern eine scheiss Maske tragen, verrecken sollt ihr!“

  • „Wenn kranke im Laden mit einkaufen, dann verrecke ich lieber, als mit denen den Platz zu teilen!“

  • „Corona soll dich auffressen du Miststück, wegen dir dürfen wir nicht mehr Feiern!“

  • „Ihr Wixxer aus den Risikogruppen, habt unser ganzes System ruiniert und wollt die Weltherrschaft an euch reißen!“ 

Mehr bekomme ich gerade nicht hin. Mir kullern die Tränen, zittere am ganzen Körper!

Denn für mich undenkbar, so etwas jemanden an den Kopf zu werfen, schon gar nicht, wenn ich diese Person nicht kenne. Aus Erfahrung weiß ich, dass Krisen einen Menschen innerlich verändern kann. Aber eine solche „Verwandlung“ stattfindet ist mir neu. Dass zum Teil auch aus der Familie Kommentare kommen wie “Ja wegen dir sind Familientreffen nicht mehr möglich!”, “Meinst du nicht die Schmerzen der Multiplen Sklerose sind nur Einbildung und das alles ist nur rein psychisch?”

Doch klar, genau das und nichts anderes.

Dabei hat KEINER, von diesen Menschen, die sich so sehr ihrer Freiheit „beraubt“ fühlen, verlangt, dass sie UNMÖGLICHES leisten. Lediglich eine Stoffmaske zu tragen und ein wenig Abstand halten. Dabei geht ja nicht nur um uns – die aus den Risikogruppen – sondern auch um die Trotzigen persönlich. Denn dieser Virus macht nicht halt wenn es auf gesunde Menschen trifft, oder gehässige, oder bösartige, oder unwissende Personen.

Nein, er trifft einem, einfach so.

Warum ich damit an die Öffentlichkeit raus gehe?

Weil es einfach nicht sein kann, dass man mich (leider nicht nur mich denn ich kann schon vieles einstecken) so sehr beleidigt, beschimpft, den Tod wünscht nur, weil man mit sich selber nicht klar kommen, nicht im Reinen ist.

Deshalb habe ich, wie ihr meinen zwei .GIFs entnehmen könnt, für mich eine Strategie gefunden um nicht daran zu zerbrechen.

Jedes Mal wenn mich eine Person einmal Beleidigt wandle ich diese Beleidigung in eine Affirmation um und führe mir vor Augen, dass ich genau richtig bin wie ich bin.

Was ich euch mit auf dem Weg geben möchte?

Lasst euch nicht entmutigen!

Nehmt euch einen Augenblick Zeit, beschäftigt euch mit der Situation und wenn es sich im Herzen richtig anfühlt, DANN GO, TUT ES!!! Ob es damit an die Öffentlichkeit gehen ist, oder ob ihr ein Blog ins Leben ruft, ob ihr euch ein neues Hobby sucht, egal was es ist, tut es einfach solange sich das für euch richtig anfühlt. Natürlich „ Fair play!“

In diesem Sinne passt bitte auf euch auf und vergesst nicht zu lächeln, auch wenn es euch sehr schwer fällt, denn auch ich kann mir ein Lächeln zwischen all den Krokodils Tränchen, schenken.