Zeichnung von einem Polaroid-Foto mit der Unterschrift REAl und einem Bild auf Papier mit der Überschrift abstract

Das abstrahierte Bild

Im Leben begegnen wir vielen Menschen und ob wir wollen oder nicht, sortieren wir sie schnell in Schubladen ein. Das macht unser Gehirn ganz automatisch, um schneller unterscheiden zu können, ob es sich um einen Freund oder Feind handelt. 

Übertragen in die Malerei erschaffen wir ein Abbild von der Person, der wir begegnen, ein Porträt, dass unserer Meinung nach aussieht, wie eine Fotografie. Aber habt ihr euch einmal hingesetzt, Pinsel oder Stift genommen und versucht, ein realistisches Abbild zu malen?

Was dabei herauskommt, gleicht eher einer Skizze als einer Fotografie. Doch realistisches Malen kann man durch das Üben verschiedener Techniken und Perspektiven lernen. Abstrahierte Bilder zu zeichnen ist eigentlich die viel größere Kunst, geht es hierbei doch um das Gefühl, ums eigene Erleben. Das fällt vielen Künstlern oft schwerer, da wir uns von unseren Ängsten und Erwartungen blockieren lassen.

Wir malen Bilder

Wendet man den Blick nun wieder auf den Eindruck, den wir von Menschen gewinnen, sind viele von uns vermutlich großartige Künstler der Abstraktion. Wenn wir Menschen begegnen und Zeit mit ihnen verbringen, nehmen wir unser Gefühl, unsere Erwartungen, und malen daraus ein Bild nach unseren Vorstellungen, basierend auf unseren Erfahrungen. Dabei vergessen wir manchmal den Abgleich mit der Realität. Stattdessen passen wir unser Verhalten an dieses Bild an, das wir selbst gemalt haben.

Mir selbst passiert das auch oft, mal mehr, mal weniger bewusst. So helfe ich manchmal meiner Tochter, ohne vorher zu erfragen, ob sie überhaupt Hilfe möchte. Einfach nur, weil sie mein Kind ist und ich annehme, dieses oder jenes kann sie noch nicht so gut. Mein Bild dabei ist, dass sie sich sicher freut, wenn sie Unterstützung bekommt. Dabei kann es aber sein, dass sie eine Sache ohne mein Wissen bereits gut beherrscht und ich es dadurch gar nicht mitbekomme. Oder sie braucht viel länger, etwas gut zu üben, weil ich es ihr ständig abnehme.

Die Herausforderung

Das wirklich schwierige daran ist, dass es für unser Gegenüber kaum möglich ist, unser Bild gerade zu rücken. Denn derjenige weiß nicht, warum wir so handeln, wie wir handeln und hat selbst sein eigenes Bild von uns im Kopf. Noch dazu neigt unser Gehirn dazu, bevorzugt Informationen wahrzunehmen, die unser Bild bestätigen und wenn mal etwas passiert, dass nicht so gut ins Bild passt, wird es eben so interpretiert, dass es wieder passt. 

Es ist unser Bild und nur wir können es ändern. Indem wir unser Bild immer wieder mit der Realität abgleichen, verschiedene Techniken lernen und Perspektiven einnehmen, nähern wir uns der “Handwerkskunst” des fotorealistischen Malens immer weiter an.

Das Handwerkszeug

Zuerst einmal spielt die Selbstreflexion eine wichtige Rolle – was denke und fühle ich? Wie geht es mir und was möchte ich erreichen? … All diese Fragen, die Analyse unseres Selbst, sind wichtig, um zukünftig bewusster zu handeln. Doch sollten wir die Situationen reflektieren, in den wir den anderen begegnen. Vielleicht schenke ich bei der nächsten Begegnung auch den Begleitumständen, unter denen sie stattfindet, ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Sobald dann ich einen Eindruck, ein Bauchgefühl habe, stelle ich mir die Frage “Ist das wirklich so?” und überlege mir, welche Gründe eine Situation oder ein Verhalten noch haben könnte. 

Das bringt unser Bild der Realität schon ein ganzes Stück näher. Noch näher kommen wir ihr nur, wenn wir unser Bild, unseren Eindruck mit anderen abgleichen. Am besten natürlich mit unserem Gegenüber selbst, denn andere bekommen ihr Bild ja von uns vermittelt…

  • Unsere Wahrnehmung (Was beobachte ich?) ist eine gute Basis, um unseren Eindruck zu vermitteln. Ganz wichtig – Beobachten statt bewerten!
  • Wie etwas auf uns wirkt (Welche Gefühle nehme ich wahr? Welche meiner Bedürfnisse werden nicht erfüllt?)
  • und was wir uns wünschen,

hilft unserem Gegenüber gleichzeitig noch dessen Bild von uns zu vervollständigen, mehr Facetten von uns kennenzulernen.