Fragt ihr euch warum ich jetzt plötzlich ein Beitrag über Karriere und Inklusion schreibe?

Nun hier die Aufklärung..

..denn eigentlich hatte ich keine Kraft mehr, darüber zu schreiben.
Zu viel ist passiert,
zu tief sitzt noch der Schmerz.

Nein als ich damals mein Informatikstudium begonnen hatte wusste ich nicht, dass sich mein Leben mal komplett ändern würde. Zunächst musste ich mein Studienplatz damals mit einer Unterschriftspetition „verteidigen“, denn mir wurde nach 14 Jahren Deutschlandaufenthalt vorgeworfen ich hätte mein Studienplatz nicht mit rechten Dingen „ergattert“. Ist ja nicht so, dass ich nach all den „Traumas“ die ich schon hinter mir hatte, total scharf darauf war weiter unter Druck zu stehen und in Angst zu leben, geschweige denn mir wurden in meinem Leben so viele deutschen Paragraphen um die Ohren geworfen, dass ich glatt ein Jurastudium mit „Summa cum Laude“ hätte abschließen können.

Nun gut, nachdem ich nachweisen konnte, dass ich mein Studienplatz rechtens erworben habe, waren meine Türen zur Studienwelt weit geöffnet und ich konnte endlich aufatmen. Schon während des Studiums waren für mich ein paar Dinge klar. Zum einen möchte ich die einzige in der Familie sein, die es bis nach ganz oben schafft, um auf jeden Fall für die Familie sorgen zu können. Zum anderen wollte ich so weit auf die Karriereleiter hochklettern, dass ich mir mein Traum von der eigenen Stiftung erfüllen kann.

Warum fragt ihr euch?

Nun weil ich für 10 Leben schon gelebt hatte und Menschen die Hilfe brauchen, in Not sind „unter die Arme“ greifen kann. Klar die Theorie ist prima und sah alles danach aus als würde ich meinen Träumen / Zielen ein stückweit näher kommen. Und nach dem ich mein Studium abgeschlossen hatte, verlief fast alles reibungslos. Ich hatte gute Jobs, meine harte Arbeit hatte sich ausgezahlt (hihi im wahrsten Sinne des Wortes). Bis 2009 sich etwas komisch anfühlte.

Glück und Pech auf Kuschelkurs

Am 15 Mai 2009 bin ich den Bund der Ehe eingegangen und sollte eigentlich auf Wolke 7?, 9?, schweben? So in der Art. Lasst euch eines gesagt sein, hätte (nein nicht hätte, hätte Fahrradkette) ich gewusst welchen Weg uns beiden erwartet, dann wäre ich die letzte Frau gewesen, die einem Menschen solch Horrorszenen geboten, zugemutet hätte. Immerhin hatten wir bin September 2009 genug Zeit, um unsere Zweisamkeit in vollen Zügen genießen zu können.

Eines Morgens bin ich wie jeden Tag aufgewacht und noch bevor ich mich auf dem Weg zur Arbeit machen konnte, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass mein rechtes Bein komplett gelähmt war, NEIN nicht taub, NEIN auch hat er nicht gekribbelt, sondern gelähmt. Im ersten Moment dachte ich mir ich hätte mich bestimmt nur verlegen und würde von alleine wieder weggehen, also machte ich mich auf dem Weg in die Arbeit. Doch leider wurde es nicht besser so, dass ich dann schweren Herzens in die Klinik gefahren bin.

Netterweise wurde ich dann ohne untersucht worden zu sein, in die psychiatrische Ambulanz überwiesen worden. Ich sagte mein Körper wäre in bester Ordnung nur mein Körper streikt. Nachdem ich keine Antwort / Erklärung mehr bekam, machte ich mich auf dem Nachhauseweg, wo für mich erstmals eine kleine Welt durcheinander gewirbelt wurde, da ich nicht wirklich verstanden hatte was vor sich geht. Nach viel Physiotherapie, guter Laune und Ablenkung ging die Lähmung irgendwann zurück und ich konnte aufatmen.

Dann lieber doch die Keule von allen Seiten zur Sicherheit

Bis Anfang 2011 hatte ich „Ruhe“, konnte mein Job in Ruhe verrichten. Bis dato dachte ich mir und war sicher, dass auch wenn etwas passieren sollte – irgendwann – dass die Wirtschaft kulant seien. Doch was mich noch erwartet hatte sollte mich eines Besseren belehren.

Nämlich:

  • Ist man KRANK, wird man ABGESCHRIEBEN! 

Ja die IT Branche war schon immer schwierig, vor allem schwierig für Frauen. Dass ich von Anfang an nicht für voll genommen wurde und sämtliche Geschäftsführer darauf ansprachen als ich ein Raum betreten habe „Oh sie sehen, so anders aus, echt sie können 1 und 1 zusammenzählen?“, ist wohl klar, dass alle darauffolgenden Gespräche und Meetings der Burner waren.

Warum ich das immer mal wieder und des Öfteren gefragt wurde fragt ihr euch?

Ich wurde damit gesegnet, dass ich nicht so alt aussehe wie ich aussehe und somit ich mit 30 höchstens auf Anfang 20 geschätzt wurde. Dann kam ich leider nicht sehr groß auf die Welt, so dass ich nur kurze 1,59 m groß bin. So bedeutet im Allgemeinen, ich hatte es so oder so schwer mich als ITlerin / Programmiererin, zu behaupten. Nun passierte etwas, womit ich gar nicht mehr gerechnet hat und es gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, um ehrlich zu sein. Am Valentinstag 2011 hatte ich meine theoretische Fahrprüfung, klar hatte ich bestanden, wurde dann kurz nach Hause gefahren und legte mich hin bis ich mittags wieder zur Arbeit ging. Dann stand ich auf und BÄM! meine Welt war nicht mehr dieselbe!

PANIK und ANGST machten sich breit. Meine komplette linke Körperhälfte war gelähmt (Richtig! wieder nicht nur taub oder ein Kribbeln), sondern so richtig gelähmt. Nicht nur das Bein, sondern auch alles ab Hüfte aufwärts. So suchte ich panisch nach einem guten Neurologen in Freiburg und kam dann eine sehr gut bewertete Ärztin, so dass ich sofort angerufen hatte. Noch am selben Tag konnte ich mich persönlich vorstellen und was dann kam war ich nicht gewohnt. Sie hatte mich gar nicht angehört was ich zu sagen hatte, sondern schickte mich SOFORT ins MRT und zu einer Lumbalpunktion (und ja diese Nadel direkt in die Wirbelsäule machte KEIN Spaß), so dass ich mich am nächsten Tag wieder bei ihr vorstellen durfte.

Der Brummer mit Tuff Tuff

Diagnose: Multiple Sklerose!

So meine nächsten Fragen an mich selber:

  • Sagst du es deinem Chef?
  • Wie gehst du damit um damit es keiner sieht?
  • Wie gehst du allgemein mit dieser neuen Situation um?

Eine Zeitlang habe ich die Diagnose auf der Arbeit verschwiegen, denn ich war der Meinung solange man mir nichts anmerkt muss es auch keiner wissen. Doch mit der Zeit kamen ein paar kleine Beeinträchtigungen zum Vorschein!

Also blieb mir das Gespräch mit dem Chef nicht erspart. Ein paar Monate konnte ich „unbeschwert“ arbeiten, doch dann hatte ich ein Mitarbeitergespräch beim Chef und der hatte es in sich.

Er: „Claudia du machst eigentlich einen ganz guten Job, doch leider bist du für die Firma nicht mehr tragbar!“

Ich: „Wie darf ich das verstehen?“

Er: „Wir haben eine Reputation zu verlieren und wenn wir auf Veranstaltungen sind oder wichtige Deadlines haben, kann mir keiner garantieren, dass du Einsatzbereit bist! Und außerdem haben wir uns dagegen entschieden mit Behinderten zusammenzuarbeiten!“

JA NE KLAR KANN ICH VERSTEHEN! – NICHT!!!!!!!!

So, nachdem ich kein Job mehr hatte, brach eine Welt für mich zusammen, ich verstand nichts mehr. Denn ich war immer der Meinung, dass Firmen sogar dafür „entschädigt“ werden, also mit „Behinderten“ keine Verluste machen. Auch war ich überzeugt, dass Firmen ein bestimmter Anteil an Menschen mit Handicap / Behinderung ohne Probleme einstellen konnten.

Tja wohl eher nicht. Seitdem reagierte jedes Unternehmen auf meine „Beichte“ ungefähr so:

„Oh das tut uns leid, dass es so ist, aber wir kommen leider nicht ins Geschäft, wir brauchen kompetente und belastungsfähige Mitarbeiter!“

Also hier war der nächste Schlag ins Gesicht!

Ich entschied, mich nicht mehr zu bewerben und solchen Demütigungen nicht mehr auszusetzen. Denn jetzt mal ehrlich: WER kann mit Sicherheit, dass eine an Multiple Sklerose erkrankte Person NICHT kompetent, flexibel oder bis zu einem gewissen Grade (übrigens sind gesunde Menschen ab einem gewissen Grad auch nicht mehr) belastungsfähig. Wie ihr es eventuell zwischen den Zeilen lesen könnt war auch 2014 noch lange keine Rede von INKLUSION!

Lasst euch aber Bitte eines gesagt sein: Meine Welt hat sich gedreht, bin immer noch traumatisiert vom Umgang mit Menschen die „anders“ sind, doch ich werde alles dafür tun mich weder unterkriegen zu lassen noch mich länger zu verstecken. Das tat ich genug Jahre, aus ANGST man zeige mit dem Finger auf mich oder MEIDET mich nur weil ich nicht mehr im allgemeinen Konzept der Wirtschaftlichkeit hinein passe.

Deshalb werde ich solange weiter machen, meine Träume und Ziele verfolgen bis ich das nötige GEHÖR bekommen werde, denn es ist an der Zeit mal wirklich Tacheles zu reden und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, weil es sich wohl nicht gehört als „andersseiender“ (wenn es dieses Wort nicht gibt, dann habe ich ihn gerade eben erfunden) Mensch seine Stimme zu erheben und für seine Rechte einzustehen. Denn egal welcher Herkunft, welchen ethnischen Hintergründe, welchen sexuellen Ausrichtung man lebt, sagt das GAR NICHTS über einen Menschen aus und schon gar nicht über seine beruflichen Kompetenzen.

Deshalb habt keine Angst zu euch zu stehen, denn genau das ist worauf es ankommt, sich nicht mehr verstecken zu müssen für die Person die man ist nur weil andere uns in eine “Schublade” stecken in der wir NICHT gehören.