Veränderungen im Leben, unerwartete Wendungen können einen Menschen ganz schön aus der Bahn werfen. Mein Leben war, wie das Leben von vielen anderen Menschen auch, bisher von einigen solcher Wendungen geprägt. Dieses Bewusstsein, dass viele Menschen ähnliche Lebensläufe haben, man mit seinen Herausforderungen nicht allein ist, ist für mich eine wesentliche und wichtige Erkenntnis.

Darstellung der 7 Resilienzfaktoren als Säulen

Bild: Die Sieben Säulen bzw. Schutzfaktoren nach Monika Gruhl | eigene Darstellung

Als ich noch Kleinkind war, trennten sich meine Eltern. Der Kontakt zu meinen Großeltern väterlicherseits sowie zu meinem Vater brach dadurch nach und nach ab. Meine Mutter lernte einen neuen Mann kennen, zog mit ihm zusammen und es brachen aus meiner kindlichen Sicht einige Jahre Kontinuität an, auch wenn ich zwischendrin ein Geschwisterchen bekam, eingeschult wurde, die Mauer fiel, etc.

In der vierten Klasse zogen wir dann innerorts um und ich musste ab der 5. Klasse die Schule wechseln (In Land Brandenburg bleibt man 6 Jahre in der Grundschule). Das war die erste Veränderung, die sich deutlich stärker auswirkte als ich in kindlicher Naivität angenommen hatte. Von einem großen Freundeskreis und einem Wohngebiet, indem man als Kind nahezu jeden Stein kannte, kam ich in eine unbekannte Umgebung und musste meinen Platz in einem Klassenverband finden, der bereits 4 Jahre gewachsen war.

Das war die erste Zeit, in der es mir durch die Änderungen und nicht unerhebliches Mobbing in der Anfangszeit so schlecht ging, dass es sich auch gesundheitlich auswirkte. Da ich durch meine Hobbies und neue Freunde in der Nachbarschaft Rückhalt hatte, wurde es aber schnell besser und sogar das Mobbing ließ nach.

Heute weiß ich, dass damals mehrere wichtige Faktoren für psychische Widerstandskraft (Resilienz) zusammenkamen (siehe Bild “Die Sieben Säulen bzw. Schutzfaktoren nach Monika Gruhl”). In der Literatur gibt es unterschiedliche Bezeichnungen für die sieben Säulen, im Kern meinen sie aber alle dasselbe. Monika Gruhl unterteilt die sieben Schutzfaktoren in drei Grundhaltungen – Optimismus, Akzeptanz und Lösungsorientierung – sowie vier Fähigkeiten – sich selbst regulieren, Verantwortung übernehmen, Beziehungen gestalten, Zukunft gestalten.

Resilienz steht in enger Beziehung mit der inneren Haltung (Mindset). Sie beeinflusst das Denken, das Fühlen, das Handeln und wird beeinflusst von unseren Erfahrungen. Negative Erfahrungen können uns demotivieren und unsere Resilienz schwächen, wohingegen positive Erfahrungen motivieren und stärken. Und das Beste ist, man kann seine innere Haltung tatsächlich trainieren und von einem sogenannten “Fixed Mindset” zu einem “Growth Mindset” gelangen (siehe Bild “Gegenüberstellung der Merkmale eines Fixed und eines Growth Mindset”).

Gegenüberstellung der Merkmale eines Fixed und eines Growth Mindset

Bild: Gegenüberstellung der Merkmale eines Fixed und eines Growth Mindset – Merkmale von Fixed Mindset (fest, unflexibel): risikoscheu, starres Selbstbild, Selbstzweifeln, Mißerfolge werden als fehlendes Talent verstanden | Merkmale von Growth Mindset (wachstumsorientiert): Fokus auf Weiterentwicklung, positives Selbstbild, Fehler werden als Chancen verstanden | eigene Darstellung

Das konnte ich in einer unerwarteten Veränderung in kürzerer Vergangenheit selbst erleben – als mein Mann mir 10 Monaten eröffnete, dass er sich von mir trennen möchte, hat mich das zuerst ziemlich aus der Bahn geworfen. Es folgte ein fünf Monate dauerndes Auf und Ab bis zur endgültigen Trennung. In dieser Zeit nahm ich auf der Arbeit an einem Seminar zur Gewaltfreien Kommunikation teil und kam mit Begriffen wie Achtsamkeit und innerer Haltung in Berührung. Ich begann zu recherchieren, las Bücher, schrieb Dankbarkeitstagebuch. Das alles hat meiner Ehe zwar nicht geholfen, mir persönlich aber definitiv.

Im Nachhinein betrachtet ist es echt beeindruckend, welch enorme Auswirkungen kleine Änderungen in den Denkmustern haben können:

  • Fehler und unerwartete Veränderungen werden Chancen und Herausforderungen
  • Auch wenn eine Sache gerade nicht läuft, wie geplant oder gehofft, gibt es doch viele andere Dinge, die gut sind, für die man dankbar sein kann.
  • Ich allein bin für mein Glück verantwortlich.

So habe ich angefangen, mir zu überlegen, was ich gerne mache, was ich gut kann und habe dabei festgestellt, dass ich viele dieser Sachen seit Jahren nicht gemacht habe. Also habe ich wieder damit angefangen und dann kam Corona und ich musste wieder umdenken. Nur diesmal hat es mich nicht aus der Bahn geworfen. Das “Training” der inneren Haltung hatte schon gewirkt.

Ich arbeitete also von zu Hause mit drei Kindern im Home Schooling. Nebenbei hatte ich noch den Umzug in unsere neue Wohnung zu organisieren. Ich wollte mich weiter entwickeln, an meinem Selbstwertgefühl arbeiten, Kontakt zu Freunden und Familie halten. Also musste ich kreativ werden. Ich telefonierte viel häufiger, hatte neben beruflichen auch private Video Calls bzw. Meetings und stellte schnell fest, dass viele Anbieter von Meetups auf Online-Angebote umstiegen. So konnte ich weiter an meinen selbstgesteckten Zielen arbeiten, viel Wissen ansammeln (und auch weitergeben) und lernte vor allem einige neue Menschen kennen.

Oft werde ich von Bekannten gefragt “Wann machst du das eigentlich alles? Ich habe für sowas keine Zeit”. “Alles” kann hier vieles meinen (Ehrenämter, Recherchen, Bücher lesen, Sport machen spazieren gehen und Natur genießen, …). Meine Antwort ist aber unabhängig vom Grund der Frage immer dieselbe “Die Zeit nehme ich mir einfach. Die gibt einem niemand”.

Das ist so ähnlich, wie der Kommentar “Toll, dass du das kannst. Aber ich bin einfach nicht so”. Von außen sieht niemand, wie viel innere Arbeit hinter der Lebenseinstellung steckt. Ich sage nie, es sei einfach daran zu arbeiten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es sich lohnt. Und dass es jeder schaffen kann, seine innere Haltung zu ändern. Rad fahren oder schwimmen muss man auch erst lernen, aber kann man es einmal, wird es nicht so schnell verlernt. Auch wenn man lange nicht mehr Rad gefahren ist, klappt es vielleicht mehr so flüssig, aber man kann es noch. Und schon allein deshalb lohnt es sich an seiner Haltung zu arbeiten.

Ob man an seiner inneren Haltung arbeiten oder etwas anderes neues lernen möchte, rate ich jedem, nicht darüber nachzudenken, was einen daran hindert, sondern darüber, wie man es schaffen kann. Loslegen, frei nach dem Motto #einfachmalmachen.